Autor: Friedhelm Meiners

Godspot?

Godspot
Meine Haut ist so trocken. Ich brauche dringend eine Gesichtscreme. „Geh mal ins Reformhaus“ sagt meine Frau und nennt mir auch gleich den Namen der Creme: „die ist ganz gut.“ Als ich vor dem Regal stehe, habe ich den Namen natürlich vergessen. Hilflos vor gefühlten 1000 Cremes nehme ich eine in die Hand: „Anti-Aging Creme.“
Die wird es ja wohl nicht sein. Ich will gerade resignieren, da steht die Verkäuferin neben mir: „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ja, ich suche eine Gesichtscreme…“
„Meinen Sie vielleicht die, die Ihre Frau immer für Ihre Söhne kauft?“ fragt sie lächelnd.
Ich strahle sie an: „Ja, die muss es sein!“
Wir plaudern noch einen Moment, dann bezahle ich und ziehe glücklich meiner Wege.

Das war sie mal wieder, die gute alte Zeit. Eine Verkäuferin, die dich kennt, die dir aus der Patsche hilft und auch noch Zeit hat für einen kurzen Schnack. Das gibt es ja kaum noch.
Die Kirche in Berlin-Brandenburg lässt gerade alle ihre Kirchen mit W-LAN ausstatten. Dann kann jeder, der in der Kirche sitzt, frei ins Internet. Sie nennen diesen Zugang „Godspot“ statt „Hotspot,“ weil es in der Kirche installiert ist.
Die Idee mag ja gar nicht so schlecht sein – aber bitte! Godspot?
Wenn ich in Zukunft eine Gesichtscreme brauche kann ich mich ja einfach in die Kirche setzen. Ich suche auf meinem Smartphone das richtige Produkt aus und lasse es mir nach Hause schicken. Wie praktisch! Ich muss mit niemandem mehr reden, keinem mehr in die Augen schauen.
In der Kirche sollte das doch wohl anders sein. Sie ist ein Ort der Begegnung. Hier begegne ich Gott und den Menschen. Wir teilen Freud und Leid, sind füreinander da. Das Internet kann da ganz hilfreich sein, aber nötig ist es nicht – und göttlich schon gar nicht.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

 

 

Leichtes Gepäck

NDR 2 „Moment mal“ 20.4. 2016

 

Jesus und Buddha, Franz von Assisi und Mutter Theresa: Alle großen spirituellen Lehrerinnen und Lehrer sagen dasselbe:
„Wir schleppen viel zu viel Kram mit uns rum; belasten unsere Seele.“
Genau davon singt auch Silbermond:

„Eines Tages fällt dir auf
dass du 99% nicht brauchst
Du nimmst all den Ballast
und schmeißt ihn weg
Denn es reist sich besser
mit leichtem Gepäck.“

Reisen mit leichtem Gepäck.
Reinhold Messner hat auf diese Weise das Bergsteigen revolutioniert. Er hat auf alles unnötige Gepäck verzichtet, nur das Allernotwendigste mitgenommen. So hat er viel Kraft gespart, war schneller und hat geschafft, was alle vorher für unmöglich erklärt haben: er war als erster Mensch ohne Sauerstoffflasche auf dem Mount Everest.
Jesus sagt: Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Es gibt viele Auslegungen für dieses Gleichnis. Eine Erklärung ist:  Es gab in Jerusalem ein sehr enges Stadttor. Man nannte es das Nadelöhr.
Wenn ein Reisender mit seinem Kamel da durchwollte, musst er erst alles abladen. Nur ohne Gepäck kam er in die gelobte Stadt.
Mit anderen Worten: Es ist gar nicht so schwer. Du kommst durchs Nadelöhr ins gute Leben, du schaffst, was andere für unmöglich halten – es reist sich besser mit leichtem Gepäck.

 

Freudensteigerung

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist erst neun Jahre alt, als er sich Gedanken über das Kirchenjahr macht. Er schreibt: „Das Kirchenjahr fängt ja nicht am 1. Januar an, sondern am 1. Advent. Das ist, damit die Christen sich auf Weihnachten freuen können. Dann geht es auf Ostern zu. So haben die Christen immer ein Fest, auf das sie sich freuen können.
Man sagt dann: „Nur noch zwei Wochen bis Himmelfahrt oder nur noch gut drei Wochen bis Pfingsten.“  Man kann sich freuen, bis das Fest dann endlich da ist.
„Das Kirchenjahr“ schreibt der Junge, „ist eine Einteilung der Zeit zur allmählichen Freudensteigerung. Die Christen haben auf diese Weise immer etwas vor Augen, auf das sie sich freuen können.“
Was für ein schöner Gedanke!
Darauf können nur Kinder kommen. Sie freuen sich einfach. Kinder denken nicht: „O Gott! Schon bald wieder Pfingsten! Wir wollen doch wegfahren und ich muss noch so viel machen! Wie soll ich das bloß schaffen?“ Klar, Kinder haben es gut. Wir machen uns für sie den Kopf. Aber trotzdem.
Jesus sagt: „Werdet wie die Kinder. Freut euch einfach!“
Übrigens: die Kinder in Niedersachsen freuen sich jetzt schon auf den 5. Sonntag nach Trinitatis. Das ist nämlich der erste Sonntag in den Sommerferien.

für NDR 2, „Moment mal“ am 16.4. 2016

Geben

Er ist nicht mehr der jüngste und er ist vermögend.
Sein Geld gibt er für den Erhalt alter Gebäude aus. Und er fördert Künstler, hat immer wieder Ideen für neue Projekte.
Wir haben gemeinsam eine Ausstellung in unserer Kirche organisiert. Es war wie immer eine Menge Arbeit, aber nun ist es geschafft. Die Ausstellung ist toll geworden: riesige Gemälde vom Meer, Wellen und Strand.
Nach der Eröffnungsfeier sitzen wir noch eine Weile zusammen.
„Warum tun Sie sich das eigentlich an?“ fragt ihn einer der Gäste. „Dieser ganze Stress! Sie haben doch genug gearbeitet! Jetzt könnten Sie es doch endlich mal ein bisschen ruhiger angehen lassen, das Leben genießen.“
Er lächelt: „Ich mache das, um Sie kennenzulernen.“
Der Gast runzelt die Stirn.
„Schauen Sie“ fährt er fort: „Ich habe Sie in die Ausstellung eingeladen und Sie sind gekommen.
Was meinen Sie, hätten Sie das auch gemacht, wenn ich Ihnen gesagt hätte: Kommen Sie mal zu mir nach Hause, ich will Ihnen mein tolles Sparbuch zeigen?“
Wer teilt, hat mehr vom Leben.
Oder, wie Jesus sagt: Geben ist seliger denn nehmen.

 

Von E-Bike und Gebet

 

Seit gut drei Jahren habe ich ein schnelles Elektrofahrrad. Und ich bin begeistert. Auf der kurzen Strecke ist das E-bike unschlagbar. Seit ich es habe, mich keiner mehr überholt.Und ich muss nie mehr einen Parkplatz suchen!
E-bike fahren ist wie Cabrio fahren. Nur schöner. Ich habe immer Rückenwind.
Aber was ich mir alles anhören muss: „Herr Meiners, so alt sind Sie doch noch gar nicht!“ „Nein, ich trete lieber selbst…“ „E-bike? Auf keinen Fall! Ich schummle doch nicht!“ Spricht´s und steigt in seinen Geländewagen.
Na ja, inzwischen habe ich eingesehen: Mein Elektrofahrrad hat das Image eines Rollators. Lieber nicht – oder nur wenn es unbedingt sein muss.
Mit dem Gebet ist es für viele von uns genau so. Ganz oft sagen Menschen zu mir: „Beten? Das ist doch nur was für Leute, die es nötig haben. Das kann ich immer noch, wenn es mir mal schlecht geht.“
Dabei: Beten ist viel mehr als Bitten, vielmehr als ein Rollator für die Seele. Es gibt mir zusätzliche Kraft.
Wenn ich durch den Park radle, die Sonne scheint, der Kuckuck ruft und ich kaum weiß wohin mit meiner Freude – dann ist das ein Gebet:
Antrieb für die Seele!

für NDR 2 „Moment mal am 7.4.

 

Wer bin ich?

Wenn wir Menschen kreativ sind, was richtig Gutes schaffen, dann stellen wir vorher zwei Fragen:
Wer bin ich?
Und: Was ist meine Aufgabe, was ist mein Ding? Das hat der Wissenschaftler Otto Scharmer gesagt.

Wer bin ich?
Also ich bin seit neuestem Großvater. Die kleine Ada ist da! Das ist so schön! Ich darf dabei sein, wenn ein kleiner Mensch diese Welt entdeckt, laufen lernt und träumen.

Und was ist meine Aufgabe, mein Ding?
Erst mal muss ich sie nur im Arm halten, mich freuen, wie sie wächst und gedeiht. Ich darf den Kinderwagen schieben.
Später werde ich heimlich mit ihr Pommes essen gehen, werde ihr verrückte Sachen kaufen, bis ihre Eltern mit den Augen rollen. Als Opa will ich sie einfach nur liebhaben. Und vor allem: Ich will Zeit für sie haben.
Das wird das Schwerste.
Ich komme ja jetzt schon kaum rum. Es gibt immer so viel zu erledigen, Sachen, die auch wichtig sind… glaub ich zumindest. Die Tage sind viel zu kurz.
Der Philosoph Martin Buber sagt:
„Du lässt dich von vielen Dingen bestimmen. Doch das ist nicht deine Bestimmung. Frag nach den Quellen, aus denen du lebst, frag nach dem tieferen Willen. Sonst verlierst du dich im Allerlei.“
So und jetzt nochmal: „Wer bin ich – und was ist meine Aufgabe?“

(für NDR 2, „Moment Mal“

 

Taufe oder: Wie ist das Wasser heute?

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist.
Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen Jungs, wie ist das Wasser heute?“
Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt:
„Was zum Teufel ist Wasser?“
(David Foster Wallace)

Ihr Lieben!
In der Osternacht haben wir Euch drei in St. Martini getauft und bald werdet Ihr konfirmiert.Das erste, geheime Zeichen der Getauften war der Fisch. Er steht auch für das Wasser, mit dem Ihr getauft seid. Es ist lebendiges Wassers, ein Meer der Liebe, stärker als der Tod. Diese Liebe umgibt Euch wie das Wasser die Fische. Ihr könnt sie nicht sehen, nehmt sie oft nicht einmal wahr; habt euch an sie gewöhnt, so wie wir alle.
Manchmal fühlt die Liebe sich an wie das Wasser in einer wohltemperierten Badewanne; doch sie wird Euch auch mitreißen wie ein kalter Gebirgsbach, durcheinanderwirbeln wie die stürmische See.
Die Liebe trägt Euch wie das Wasser die Fische. Sie ist tief und weit wie das Meer.
Was wäre, wenn ein Fisch im Meer auf den Gedanken käme, das Wasser hat Grenzen und es reicht nur für ihn und seinesgleichen? Wir würden nur milde über ihn lächeln.
Liebe Konfis, ich wünsche Euch, dass Ihr Euch immer wieder an das Wasser Eurer Taufe erinnert als Zeichen der Liebe, aus der wir alle leben.
Und so wie hier der ältere Fisch die jungen fragt „Na Jungs, wie ist das Wasser heute?“ so fragt Euch hoffentlich auch ab und zu mal jemand:
„Na Leute, wie fühlt sich die Liebe heute an?“
Herzlichst
Euer Pastor Friedhelm Meiners

(Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung)

Brauchst du das?

Eine kleine Szene aus der Kneipe:
Am Nachbartisch erzählt ein junger Mann:
„Ich schlafe jede Nacht acht Stunden.“
„Brauchst du das?“ fragt sein Gegenüber.
„Nö. Ich gönn mir das.“
Das ist wahre Freiheit!
In einer Gesellschaft, in der du dir alles verdienen, alles begründen musst, gönnt sich einer acht Stunden Schlaf. Einfach so. Weil er Spaß dran hat.

Was gönn ich mir heute mal?

Die Freude am Kirchenjahr

 

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist neun Jahre alt, als er sich Gedanken über das Kirchenjahr macht. Der Junge entdeckt: Das Kirchenjahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern am 1. Advent. Es ist nicht durch die Jahreszeiten gegliedert, sondern durch die Feiertage: auf Weihnachten folgt Ostern, schließlich kommen Himmelfahrt und Pfingsten. Er findet das schön. Der Junge notiert:
„Im Leben der Gläubigen führen diese Gliederungen dazu, dass sie sich präziser auf ein hohes Fest vorbereiten und darauf freuen können. Man sagt dann zum Beispiel: „Nur noch ein paar Wochen bis Ostern!“ Tag für Tag spürt man, wie der zeitliche Abstand geringer wird, entsprechend steigert sich die Vorfreude und führt hin zur eigentlichen und endgültigen Festtagsfreude. Das Kirchenjahr ist also eine Einteilung der Zeit zur allmählichen Freudensteigerung. Die Gläubigen haben auf diese Weise immer etwas vor Augen, auf das sie sich freuen können.“
Was für ein kluger Gedanke. Darauf können wohl nur Kinder kommen. Für mich sind Feiertage immer auch etwas, worauf ich „hinarbeite“. Ich muss viel erledigen, alles gut vorbereiten. Kurz vor dem Fest ist es immer am schlimmsten: ich habe dann noch so viel zu tun, dass ich mich kaum noch freuen kann.
Für Kinder ist das anders. Sie können Ostern kaum erwarten, sind gespannt, was sie geschenkt bekommen.
Ich kann mich schlecht beschenken lassen – glaube, ich muss mir die Freude erst erarbeiten. Wenn ich nicht vorher alles schaffe, wird das nichts mit der Freude. Was für ein Unsinn!
Bis Ostern dauert es es noch eine ganze Weile. Aber die Tage werden langsam wieder länger, die Winterlinge blühen schon. An Ostern wird es wärmer sein, die Buschwindröschen werden blühen. Das ist alles geschenkt!
Wie ich mich darauf freue!

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Ruhe

Winter.
Unsere Bäume haben sich von allem getrennt:
von ihren Blättern, vom Wasser in Stamm und Ästen.
Ruhe.
Nichts geschieht.

Kann man das nicht ändern?
Was passiert, wenn du eine Eiche
in einen schönen warmen Raum mit viel Licht stellst?
Sie treibt das ganze Jahr, wird immergrün –
und stirbt nach kurzer Zeit.

Unsere Bäume brauchen den Winter.
Zeit zum Loslassen, Abwerfen.

Jesus geht allein auf einen Berg.
Immer wieder.
Was tut er dort?
Nichts.
Gönnt sich Ruhe.
Lässt los.

„Und alles, was uns groß und wichtig erscheint –
ist plötzlich nichtig und klein…“

Wir brauchen den Winter.