Schlagwort: Freude

Einmal „Nein“ braucht dreimal „Ja“

 

 

Es klingelt an der Haustür. Vor mir steht eine junge Frau in Feuerwehruniform, eine ehemalige Konfirmandin. Sie ist schon seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Rüningen. „Hallo!“ sagt sie und lächelt mich an, „Ich wollte dir nur schnell Bescheid sagen: Wir räumen gerade den Baum weg, den der Sturm hinter der Kirche zerlegt hat.“ Und schon höre ich die Kettensäge aufheulen. Keine Stunde später ist der Weg wieder frei.
Vor gut einer Woche ist „Xavier“ über uns weggefegt ist. Was für ein Chaos! Der Hagenmarkt ein Ort der Verwüstung, überall in der Stadt Bäume auf den Straßen. Auch die wunderschöne Trauerweide an der Martinikirche hat der Sturm entwurzelt. Das ist erst zehn Tage her, doch heute sieht man schon so gut wie nichts mehr davon.
Die Feuerwehr, Alba und viele Gartenbaubetriebe haben ganze Arbeit geleistet.
Eigentlich ein Grund zur Dankbarkeit. Doch so sind wir nicht. Wir werden höchstens ärgerlich, wenn es nicht schnell genug geht: „Was denn, die Züge fahren immer noch nicht wieder planmäßig? Typisch!“ Was nicht klappt, sticht sofort ins Auge. Das Schöne halten wir für normal.
Ein guter Freund hat einmal gesagt: Wenn Du einmal „Nein“ sagst, musst du dreimal „Ja“ sagen, um das „Nein“ auszugleichen.
Wie viele Menschen demotivieren wir durch unser ständiges „Nein!“
Sie geben alles. Doch es reicht nicht. Es könnte höher, schneller besser sein. Es ist nie gut genug.
Dabei beginnt jeder Tag mit dem Ja zu mir.
Ja, die Welt ist immer noch ein schöner, ein hilfreicher Ort. Es gibt so viele Menschen, die einfach für mich da sind.
Dafür bin ich dankbar.

 

Tugenden des Glaubens

Die 89jährige Jelena Erchowa aus Sibirien reist nur mit ihrem Rucksack durch die Welt. Sie nennt sich selbst nur Oma Lena. Oma Lena ist in Israel auf einem Kamel geritten und in Vietnam auf einem Roller mitgefahren. In Deutschland war sie auch schon. Sie hat nur eine kleine Rente – umgerechnet 300 Euro im Monat – doch das schreckt sie nicht.
Die alte Dame hatte ein hartes Leben. Sie reist erst seit sechs Jahren und sie sagt: „Das wichtigste, was ich auf meinen Reisen gelernt habe: Es gibt überall auf der Welt nette, hilfsbereite Menschen.“ Im Internet ist Oma Lena inzwischen ein Star, viele Menschen unterstützen sie.
Mich erinnert die Frau an Abraham. Der hat sich auch erst im hohen Alter auf den Weg gemacht – als er seine Träume schon fast aufgegeben hat. Oma Lena und Abraham teilen die Tugenden des Glaubens: Das Leben ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist, so lange lebst du es auch. Du brauchst nicht viel für ein gutes Leben, im Grunde nicht mehr als du tragen kannst. Die Welt ist ein hilfreicher Ort, die Zukunft kommt dir freundlich entgegen.
Jemand hat auf Facebook geschrieben: „Habe Oma Lena überraschend am Strand getroffen. Und über mein eigenes Leben nachgedacht.“
So soll es sein. Und jetzt: leben!

Ich gönn mir das

Artischocken gebacken, Tomatensugo, Pamesan…  Die Speisekarte klingt fantastisch. Aber die Preise sind es auch, soll ich wirklich…?
Da weht vom Nachbartisch ein Gesprächsfetzen herüber: „Ich schlafe jede Nacht acht Stunden“ sagt jemand. „Brauchst du das?“ fragt sein Gesprächspartner mit ernster Stimme. „Nö“ ist die fröhliche Antwort, „ich gönne mir das!“
„Wie schön!“ denke ich, „das habe ich ja lange nicht mehr gehört!  Einer, der sich was gönnt,  einfach so.
Mir begegnet oft genau das Gegenteil: Alles was der Mensch tut, ist ungeheuer sinnvoll. Und alles ist medizinisch oder sportwissenschaftlich abgesichert. Sonst geht gar nichts. Einen mächtigen Schub kriegt diese Art zu leben durch die digitaleTechnik.
Im Moment sind Fitnessarmbänder sehr in Mode. Du kannst ganzen Tag kontrollieren, wie viele Schritte du gehst, wie viele Kalorien du verbrennst, wie hoch dein Puls ist. Und am Abend weißt du dann genau, ob du ein richtig gutes und gesundes Leben geführt hast. Aber das ist noch nicht alles. Du kannst das Ding auch nachts tragen.  Und morgens, das ist der Clou, kannst du ablesen, wie gut du geschlafen hast. Und wenn du dann wirklich mal acht Stunden schläfst, kannst du das fein begründen: „Weißt du, ich brauche das, weil meine Tiefschlafphase ist viel zu kurz.“
Aber will ich das? Will ich wirklich so leben? Will ich alles kontrollieren und alles immer nur richtigmachen? Klar, manchmal schlafe ich schlecht. Aber das spüre ich morgens auch so, dafür brauche ich kein Messgerät. Sicher, es kann sinnvoll sein, genauen Regeln und Gesetzen zu folgen: Mönche halten einen genauen Tagesablauf ein, mit festen Zeiten für die Arbeit und fürs Gebet. Künstler geben für ihre Musik alles, üben jeden Tag stundenlang. Junge Sportler leben absolut asketisch. Wenn wir ein Ziel haben, dann müssen wir das auch verfolgen. Sonst bleibt es ein Traum. Das ist sinnvoll, doch es nicht der Sinn des Lebens.
Ich brauche auch das andere, ich brauche auch den freien Blick zum Himmel, dieses Gefühl: Das Leben ist schön! Einfach so! Du musst es dir nicht verdienen.
„Ich gönn mir das!“ hat der Mann am Nachbartisch gesagt. Recht hat er. Ich schaue noch mal in die Speisekarte: Ahrenhorster Edelwaller, glasiert, an chinesischem Blätterkohl.. Lecker!
Das gönn ich mir jetzt. Einfach mal so.

Andacht für NDR 1 „Himmel und Erde“

Freudensteigerung

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist erst neun Jahre alt, als er sich Gedanken über das Kirchenjahr macht. Er schreibt: „Das Kirchenjahr fängt ja nicht am 1. Januar an, sondern am 1. Advent. Das ist, damit die Christen sich auf Weihnachten freuen können. Dann geht es auf Ostern zu. So haben die Christen immer ein Fest, auf das sie sich freuen können.
Man sagt dann: „Nur noch zwei Wochen bis Himmelfahrt oder nur noch gut drei Wochen bis Pfingsten.“  Man kann sich freuen, bis das Fest dann endlich da ist.
„Das Kirchenjahr“ schreibt der Junge, „ist eine Einteilung der Zeit zur allmählichen Freudensteigerung. Die Christen haben auf diese Weise immer etwas vor Augen, auf das sie sich freuen können.“
Was für ein schöner Gedanke!
Darauf können nur Kinder kommen. Sie freuen sich einfach. Kinder denken nicht: „O Gott! Schon bald wieder Pfingsten! Wir wollen doch wegfahren und ich muss noch so viel machen! Wie soll ich das bloß schaffen?“ Klar, Kinder haben es gut. Wir machen uns für sie den Kopf. Aber trotzdem.
Jesus sagt: „Werdet wie die Kinder. Freut euch einfach!“
Übrigens: die Kinder in Niedersachsen freuen sich jetzt schon auf den 5. Sonntag nach Trinitatis. Das ist nämlich der erste Sonntag in den Sommerferien.

für NDR 2, „Moment mal“ am 16.4. 2016

Die Freude am Kirchenjahr

 

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil ist neun Jahre alt, als er sich Gedanken über das Kirchenjahr macht. Der Junge entdeckt: Das Kirchenjahr beginnt nicht am 1. Januar, sondern am 1. Advent. Es ist nicht durch die Jahreszeiten gegliedert, sondern durch die Feiertage: auf Weihnachten folgt Ostern, schließlich kommen Himmelfahrt und Pfingsten. Er findet das schön. Der Junge notiert:
„Im Leben der Gläubigen führen diese Gliederungen dazu, dass sie sich präziser auf ein hohes Fest vorbereiten und darauf freuen können. Man sagt dann zum Beispiel: „Nur noch ein paar Wochen bis Ostern!“ Tag für Tag spürt man, wie der zeitliche Abstand geringer wird, entsprechend steigert sich die Vorfreude und führt hin zur eigentlichen und endgültigen Festtagsfreude. Das Kirchenjahr ist also eine Einteilung der Zeit zur allmählichen Freudensteigerung. Die Gläubigen haben auf diese Weise immer etwas vor Augen, auf das sie sich freuen können.“
Was für ein kluger Gedanke. Darauf können wohl nur Kinder kommen. Für mich sind Feiertage immer auch etwas, worauf ich „hinarbeite“. Ich muss viel erledigen, alles gut vorbereiten. Kurz vor dem Fest ist es immer am schlimmsten: ich habe dann noch so viel zu tun, dass ich mich kaum noch freuen kann.
Für Kinder ist das anders. Sie können Ostern kaum erwarten, sind gespannt, was sie geschenkt bekommen.
Ich kann mich schlecht beschenken lassen – glaube, ich muss mir die Freude erst erarbeiten. Wenn ich nicht vorher alles schaffe, wird das nichts mit der Freude. Was für ein Unsinn!
Bis Ostern dauert es es noch eine ganze Weile. Aber die Tage werden langsam wieder länger, die Winterlinge blühen schon. An Ostern wird es wärmer sein, die Buschwindröschen werden blühen. Das ist alles geschenkt!
Wie ich mich darauf freue!

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Glücklich?

Andacht für NDR Radio Niedersachsen

Sie liegen in meiner Buchhandlung direkt neben der Kasse: Taschenbücher mit fröhlichen, bunten Einbänden: Sonnenblumen, Schäfchenwolken, das weite Meer oder eine mächtige Eiche. Lauter Ratgeber für ein glückliches Leben. Manchmal kann ich nicht widerstehen und greife zu. Aber das meiste ist nicht so toll. Es geht oft darum, das Schöne zu genießen und die lästigen Pflichten klein zu halten. Doch jetzt habe ich endlich mal einen Ansatz gefunden, der mich überzeugt.

Der Verhaltensforscher Paul Dolan sagt: Das Glück hat zwei Flügel: etwas Sinnvolles tun und Freude haben. Um glücklich zu sein, brauchst du beides. Aufgaben, die dich erfüllen und Dinge, die du einfach nur so tust, aus Spaß an der Freude. Nur Spaß haben macht das Leben hohl. Nur arbeiten auch.

Früher. Da haben wir Jugendlichen bei uns im Dorf beim Stroheinfahren geholfen. Jeden Tag bei einem anderen Bauern. Das war harte Arbeit. Aber am Abend wurde gefeiert. Wieder hatte eine Familie die Ernte unter Dach und Fach. Es war eine glückliche Zeit.

Wir sind glücklich, wenn wir eine sinnvolle Arbeit haben, etwas Gutes tun können. Und wir sind glücklich, wenn wir feiern, schöne Musik hören, uns an der Natur freuen. Das ist auch das Fundament meines Glaubens: Sorgt euch nicht – und sorgt euch sehr. Jesus betont beides. „Seht die Schwalben am Himmel,“ sagt er, „sie säen nicht, sie ernten nicht – und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Und auf der anderen Seite fordert Jesus dazu auf, sich zu engagieren, Sinnvolles zu tun. Zum Beispiel in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da wird einer überfallen, liegt halb tot im Straßengaben. Aber ein Handlungsreisender lässt alles stehen und liegen und hilft ihm.
Das ist es, was mich bei den meisten Ratgebern stört: Sie versprechen ein süßes, sorgloses Leben. Mir fehlt die Würze der Pflichten.
Ich glaube: Wer glücklich sein will, braucht eine Mischung aus sorglos und sinnvoll, aus Arbeit und Freude.

Glücklich?

Glücklich?
Was macht uns glücklich?
Zu diesem Thema kann man unglaublich viel lesen. Jetzt habe ich endlich mal einen Ansatz gefunden, der mich überzeugt. Der Verhaltensforscher Paul Dolan sagt: Das Glück hat zwei Flügel: etwas Sinnvolles tun und Freude haben. Du brauchst beides: Aufgaben, die dich erfüllen und Dinge, die du einfach nur so tust, aus Spaß an der Freud. Nur Spaß haben macht das Leben hohl. Aber nur arbeiten eben auch.
Wir sind glücklich, wenn wir eine sinnvolle Arbeit haben, etwas Gutes tun können – und wenn wir feiern, schöne Musik hören, uns an der Natur freuen…
Das ist auch das Fundament unseres Glaubens: Sorgt euch nicht – und sorgt euch sehr.
Im Grunde sagt Jesus immer beides. Nehmt dankbar an, was euch geschenkt wird. Und gebt, was ihr könnt.
Bei uns im Dorf haben wir Jugendlichen damals beim Stroheinfahren geholfen. Jeden Tag bei einem anderen Bauern. Das war harte Arbeit. Aber jeden Abend wurde gefeiert. Wieder hatte eine Familie die Ernte unter Dach und Fach. Es war eine glückliche Zeit.
Wer nichts Sinnvolles zu tun hat ist arm dran. Wer keine Freude hat auch.
Jesus erzählt ständig Geschichten, die beides betonen, Pflicht und Freude:
„Seht die Schwalben am Himmel,“ sagt er, „sie sähen nicht, sie ernten nicht – und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Macht euch keine Sorgen.“
Und auf der anderen Seite erzählt er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Ein Mann lässt alles stehen und liegen, um einem zu helfen, der unter die Räuber gefallen ist.
Wer glücklich sein will braucht die richtige Mischung aus sorglos und sinnvoll, aus Arbeit und Freude.