Autor: Friedhelm Meiners

Die 10.000 Stunden Regel

Eine Morgenandacht für den NDR. Zu hören heute gegen 9.20 Uhr auf NDR Radio Niedersachen

Haben Sie schon mal was von der 10.000 Stunden Regel gehört?
Eine wissenschaftliche Studie behauptet: Wenn jemand etwas 10.000 Stunden lang übt, dann kann er es perfekt. Das Talent spielt keine Rolle. Wenn das wirklich stimmen würde, dann müsste ich nur 10.000 Stunden üben, um so perfekt Klavier zu spielen wie Lang Lang.
Aber Vorsicht! Ich habe das mal durchgerechnet. Wenn ich in einem Jahr halbwegs perfekt Klavier spielen wollte, dann müsste ich jeden Tag 27,4 Stunden üben. Das klappt also schon mal nicht. Und wenn ich es langsam angehen lasse – sagen wir mal ich übe jeden Tag eine Stunde – dann brauche ich 27 Jahre.
10.000 Stunden sind eine Menge Zeit. Aber ob das reichen würde? Ich weiß nicht. Klavierspielen ist schließlich mehr als reine Fingerfertigkeit.
Aber: Wenn ich 10.000 Stunden geschenkt bekäme: Was würde ich gern lernen?
Mir fällt sofort eine Menge ein; gar nichts Großes, eher kleine, alltägliche Lebenskünste.
Ich würde gern lernen, aufmerksamer zuzuhören und genauer zu beobachten, damit ich dem Geheimnis des Lebens auf die Spur komme. Ich möchte der Liebe vertrauen lernen – der Liebe, die stärker ist als der Tod; und die Menschen endlich so annehmen, wie sie sind. Zur richtigen Zeit reden – und schweigen. Das würde ich gern können. Ich möchte auch gern lernen, wichtiges und unwichtiges zu unterscheiden und eine gute Zeiteinteilung, damit ich mehr Zeit habe für die Menschen, die mir nahe stehen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto länger wird die Liste. Wenn ich für jedes 10.000 Stunden brauche, dann werden meine Tage nicht langweilig.
Und beim Nachdenken wird mir deutlich:
Für ein gutes, gesegnetes Leben gibt es keine Zauberformel. Es ist ein langer, mühsamer Weg. Du brauchst viel Zeit, Kraft und Geduld. Du musst immer wieder üben, dich einüben.
Und du wirst das nicht alles lernen. Aber das musst du auch gar nicht.
Wenn du ein Talent einübst und in Liebe mit anderen teilst, dann ist es genug.
Und welches Talent möchten Sie erlernen in der Zeit, die Gott Ihnen schenkt?

Es ist vollbracht

Es ist vollbracht
„Es ist vollbracht!“ ruft der Radio Reporter begeistert. „Das Spiel ist aus! Die Eintracht hat gewonnen!“
Früher habe ich mich immer geärgert, wenn ich das gehört habe.
Ich habe gedacht:
„Du meine Güte, weiß der eigentlich was er da redet?“
„Es ist vollbracht.“ Das sind die letzten Worte Jesu am Kreuz! Und der benutzt sie für das Ende eines schnöden Fußballspiels. Und keiner merkt´s.
Es ist vollbracht. Das ist zu einem geflügelten Wort geworden. Es begegnet mir an allen Ecken und Enden: Wenn jemand eine Prüfung bestanden hat, am letzten Tag vor dem Urlaub, immer wieder: „Es ist vollbracht.“
Früher habe ich gedacht: „So weit haben wir uns schon entfernt von unserer christlichen Tradition, dass dieses Wort so gedankenlos und sinnentleert benutzt wird!“
Inzwischen sehe ich das anders. Wo immer mir dieser Satz begegnet, höre ich den Wiederhall der Auferstehung. Die Sehnsucht nach Ostern.
Ein Sieg im Fußball ist nur ein kurzes Glück, der nächste Gegner wartet schon. Die Prüfung ist bestanden, gut. Aber jetzt kommt das Berufsleben, das wird auch kein Zuckerschlecken. Doch die Sehnsucht ist da. Ich will endlich ankommen. Will nicht mehr kämpfen, mich nicht mehr beweisen müssen; will sie spüren, die bedingungslose Liebe.
Es soll endlich vollbracht sein.
Doch das ist es längst.
Ich kann es sehen und fühlen, wenn ich achtsam bin.
Ein Freund erzählt vom Tod seiner alten Mutter. Er hat lange an ihrem Sterbebett gesessen.
Schließlich hat er sie gefragt:
„Möchtest du noch leben?“
Sie hat nickt: „O ja!“
„Hast du Angst vor dem Tod?“
Da hat sie gelächelt: „Aber nein!“
„Es ist vollbracht.“
Die letzten Worte Jesu am Kreuz singen sich in unser Leben, hinterlassen Spuren von Sehnsucht und Liebe.
Frohe Ostern!

Wer bin ich?

„Liebe Kit,
das Entscheidende ist die Wahrnehmung.
Deiner Rolle in der Geschichte.

Denkst Du zu viel,
weißt du, dass Du nichts bist.

Denkst Du gerade genug,
weißt Du, dass Du klein bist,
aber wichtig für manche.

Mehr kann man nicht tun.“

Dave Eggers „Ein Hologramm für den König“.

Die Aufgabe der Kirche

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan schreibt in einem Artikel in der Reihe „Papst und die Welt“ in der Süddeutschen Zeitung:

Die vorrangige Aufgabe besteht darin,
„den Verstand und das Herz
nach dem Sinn des Lebens und des Todes zu befragen,
nach der Würde der Geschöpfe in ihrer Vielfalt,
nach den höchsten Werten und Zielen,
die universell sind,
weil wir sie alle gemeinsam haben,
und denen sich keine Gesellschaft entziehen kann.
Die Kirche wartet auf eine solche Botschaft und ein solches Pastorat,
wie übrigens alle spirituellen und religiösen Gemeinschaften dieser Erde“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Alles hat seine Zeit

mein „Wort zum Sonntag“ für die Braunschweiger Zeitung:

Alles hat seine Zeit

„Alles hat seine Zeit“ heißt es in der Bibel:
„Einpflanzen hat seine Zeit – und Ausreißen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit – und Lachen hat seine Zeit.“
Du musst es nehmen, wie es kommt. Du kannst dem Fluss der Zeit nicht entrinnen.
Das klingt ja fast schon buddhistisch und widerspricht unserem Weltbild.
Wir haben Zeit – oder wir haben keine. Aber dass die Zeit uns hat, das wollen wir nicht wissen.
Älter werden hat seine Zeit.
Wer will das hören in einer ewig jungen Gesellschaft?
Krankheit hat ihre Zeit.
Wie soll das gehen?
Alles hat seine Zeit? Wir haben ein anderes Verständnis.
In der Wirtschaft heißt es:
„Wachstum hat seine Zeit – und Wachstum hat seine Zeit.“
Und wehe, wenn nicht! Dann geht die Welt unter! Dass die chinesische Wirtschaft im vergangenen Jahr „nur“ um acht Prozent gewachsen ist, ist schon ein Alarmzeichen.
Die Werbung schreit uns den ganzen Tag an:
„Lachen hat seine Zeit – und Lachen hat seine Zeit.“
Und wenn du mal nicht lachen kannst, dann machst du etwas falsch!
Im Berufsleben haben viele Menschen das Gefühl:
„Funktionieren hat seine Zeit – und Funktionieren hat seine Zeit.“
Und wenn du nicht funktionierst, dann sieh zu, dass du dich möglichst schnell reparieren lässt.
Doch wie sollen unsere Kinder Kinder sein, wenn sie nicht mehr selbstvergessen spielen dürfen? Wie sollen unsere Jugendlichen erwachsen werden, wenn wir ihnen keine Fehler und Umwege mehr zugestehen? Und wie sollen wir in Würde alt werden, wenn wir ewig jung bleiben wollen?
Alles hat seine Zeit; auch die dunklen, traurigen Seiten des Lebens.
Eine Gesellschaft, die das nicht akzeptiert, ist krank.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Heimat?

„Du bist überall Fremder“ sagt er.
„Und Heimat ist da, wo du dein erstes Glas Wasser getrunken hast.“
Heimweh ist sein steter Begleiter.

In die Zukunft schauen…

Würdest du gern in die Zukunft schauen?

Die meisten antworten auf diese Frage:
„Man gut, dass man das nicht kann.“
Ist das so?
Von Jesus wird berichtet, dass er genau wusste, was auf ihn zukommt:
Folter und Kreuz. Er kündet es seinen Jüngern sogar an.
Wie kann er dann so gelassen sein? So gegenwärtig? Wie kann er so sorglos sein wie die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Felde?
Ach, das ist ja kein Geheimnis. Wir wissen es doch alle:
Du kommst durch die finstersten Täler und über die höchsten Berge – wenn du weißt:
Ich werde erwartet.
Frohes Neues Jahr!

Gott

Mein Sohn Johannes hat am Telefon einer Frau „Frohe Weihnachten“ gewünscht.
Die hat schnippisch geantwortet: „Wir haben damit nichts am Hut. Wenn Sie einen Gott haben, der sich für Sie interessiert, dann wünschen ich Ihnen eine gute Zeit“
Wenn es einen Gott gibt, der sich für dich interessiert.
Das ist in der Tat die entscheidende Frage.
Wenn wir Christen sagen: „Gott ist Mensch geworden,“ dann beginnt das im Stall von Bethlehem. Wenn alle anderen denken du bist am Ende, ist er da. In der Gestalt derer, die nicht lange fragen. Die einfach da sind. Gott ist Vater und Mutter geworden; Hirte, der beisteht, König, der schenkt.
So ist es bis heute. Im Hospiz, wo Verwandte und Schwestern nicht mehr fragen. Einfach da sind. Bei der Weihnachtsfeier für die, die heute Abend kein Zuhause haben. Wo Menschen Brötchen schmieren, den Baum schmücken, Kerzen anzünden. In den Familien, die es schwer haben, aber füreinander da sind, trotz allem. Der Gott, der sich für dich interessiert. Da kannst du ihn erleben. Mittendrin im Leben. Denn er ist Mensch. Geworden.

Kerzen

Neue Kerzen sind hübsch.
Brennende Kerzen sind schön.
Schenken Wärme und Licht.
Werden weich und werden kleiner.
Geben sich selbst.