Maria auf der Flucht

Mein „Wort zum Sonntag“ für die Braunschweiger Zeitung.

Maria auf der Flucht
Die Figur war auf der Fensterbank hinter einen Blumentopf gerutscht. Eine wunderschöne Schnitzarbeit: Maria, das Kind im Arm, auf einem Esel reitend. „Die ist mir beim Wegräumen doch glattweg durchgerutscht“ dachte sie lächelnd.
Der Weihnachtsschmuck war noch nie so früh aus ihrer Wohnung verschwunden wie in diesem Jahr. Für die große Silvesterparty hatte sie gleich in der Woche zwischen dem Fest alles wieder in die Truhe im Keller geräumt. Und auch der Baum lag schon am Altjahrsabend am Straßenrand. „Komisch“ dachte sie. „Ich hatte mich so auf Weihnachten gefreut. Aber irgendwie geht das Fest immer schneller vorbei. Als ich Kind war, stand der Baum ewig bei uns im Wohnzimmer, mindestens bis zum Dreikönigstag. Wir haben immer noch mal die Kerzen angezündet. Und wenn er dann Mitte Januar abgeplündert wurde, war ich traurig. Jetzt kann es mit dem Wegräumen gar nicht schnell genug gehen.“
Und nun hält sie diese Figur in der Hand, ein altes Erbstück. Sie schaut genauer hin: Maria reitet auf einem Esel und trägt das Kind im Arm.
Da wird ihr klar: Natürlich! Das ist gar keine Weihnachtsfigur! Jesus ist ja schon geboren! Sie sind schon auf der Flucht nach Ägypten!
„Passt gut zu mir“ denkt sie. „Ich bin dauernd unterwegs, das Leben wird immer hektischer. Ich weiß nicht wovor und ich weiß nicht wohin, aber ich bin ständig auf der Flucht. Von einem Ereignis zum nächsten. Ich finde kaum noch Ruhe.“
Nachdenklich stellt sie die alte Schnitzerei auf ihren Schreibtisch.
Maria, das Kind und der Esel.
Sie werden sie das ganze Jahr über begleiten.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

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Gibt es die Hölle?

Eine Szene im Himmel:

„Und die Hölle?“ fragte ich.
„Was ist damit?“
„Gibt es eine Hölle?“
„Ach nein,“ antwortete sie, „das war nur notwendige Propaganda.“
„Das hat mich nämlich beschäftigt. Weil ich Hitler begegnet bin.“
„Das tun viele. Er ist so eine Art … Touristenattraktion, im Grunde genommen. Wie fanden Sie ihn?“
„Oh, ich habe ihn nicht kennengelernt,“ sagte ich bestimmt. „Er ist ein Mann, dem ich nicht die Hand geben würde. Ich hab ihn hinter einem Gebüsch beobachtet, wie er vorbeigegangen ist.“
„Ach, ja. Ziemlich viele machen es so.“
„Und da habe ich mir gedacht, wenn der hier ist, kann es keine Hölle geben.“
„Ein einleuchtender Schluss.“

aus: Julian Barnes, Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Tagen

Genie oder Verbundenheit?

Der Musiker und Schriftsteller Thomas Meinecke im Interview mit der SZ von heute auf die Frage, was ihn als Autor antreibt:
„Meine Lust am Sekundären, am Nachgestellten, Nicht-Eigenen, am abhängigen Autorsubjekt.
Das Genie ist eine Männerchimäre, ich glaube nicht daran.
Hat sich eigentlich jemals eine Frau selbst als Genie bezeichnet?“