Der Mensch bleibt immer derselbe…

„Der Mensch ist immer derselbe.
Man ist, wie man mit zwei Jahren war oder als Säugling und bleibt bis zum Ende so.
Was einen ausmacht, verliert man nicht.“

(Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas in einem Interview der FAS am 19. Februar 2012)

Ich hoffe und ich fürchte er hat Recht: Der Mensch ändert sich nicht. Was mich ausmacht, bleibt.
Aber vielleicht lerne ich ja, besser mit mir umzugehen – im Laufe meines Lebens?

Göttliche Ethik?

Hallo T,
entschuldige, dass ich mich erst heute melde. Gerade so viel los…
Du schreibst, bei Euch im Unterricht geht es vor allem um Ethik. Um die Frage, ob es eine göttliche Ordnung im Zusammenleben der Menschen gibt.
Was glaubst du denn? Gibt es so etwas? Einen Verhaltenskodex, der für alle gilt? Die Zehn Gebote oder etwas ähnliches? Und wenn ja, ist das etwas Göttliches oder eher das Produkt menschlicher Intelligenz? Beste Grüße und ein schönes Wochenende
Dein Friedhelm

Göttliche Ordnung?

Hallo Friedhelm,
wie siehst du als Theologe eigentlich die göttliche Ordnung?
Das haben wir grad im Religionsunterricht.
Bzw. die Frage nach der göttlichen Ordnung?
Liebe Grüße
T.

Kleine Anfrage – tja, was antworte ich da? Hat jemand eine Idee?

Namen…

Der Personalchef liest den Namen auf ihrer Bewerbung und schaut sie bedauernd an: „Sie haben es schwer, oder?“ Die junge Frau nickt traurig. Sie heißt mit Vornamen Chantal Paris. Ihre Eltern haben es sicher gut gemeint. Aber sie haben ihr eine schwere Bürde auferlegt. Natürlich ist das Unsinn. Natürlich kann man niemanden nach seinem Namen beurteilen. Und wir tun es doch.
Und wenn wir einem Kind einen Namen geben, dann geht es nicht nur um Wohlklang. Dann geht es um Erwartungen.
Namen erzählen Geschichten. Die Geschichten der Eltern eines Kindes: Ihre Sehnsucht nach der großen, weiten Welt; ihren Dank und ihre Freude für dieses Kind, ihre Erinnerung an einen lieben Menschen. Und mit diesen Geschichten sind immer auch Erwartungen verbunden, bewusst oder unbewusst:
Es wäre schön, wenn du so wirst wie dein Großvater.
Wir wünschen dir, dass du die große, weite Welt kennenlernst, dass du Erfolg hast.
Wir geben dir einen normalen, unauffälligen Namen, damit du es leicht hast und gut durchs Leben kommst.
Wir geben dir einen außergewöhnlichen Namen, damit jeder gleich hört: Du bist etwas Besonderes.
All das schwingt mit im Namen eines Menschen – mal bewusst, mal unbewusst. Und das Kind wird damit leben – dürfen oder müssen, je nachdem.

Liebe, Ehe, Partnerschaft…

„…trotz all der Scheidungs- und Trennungsstatistiken gab es noch nie in der Geschichte so viele Menschen, die mit ein und demselben Partner so lange zusammenleben wie heute. 60 Prozent aller Deutschen leben in einer eheähnlichen Partnerschaft. Und 60 Prozent von denen mehr als 45 Jahre.
Da stellt sich die Frage: Was machen die richtig?“

aus einem Interview mit dem Paartherapeuten Arnold Retzer in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Februar 2012

Und was machen sie richtig?

Retzer meint: „Sie akzeptieren, was ihnen widerfährt.“

Unerfüllbare Wünsche an die Vergangenheit

Eine amerikanische Krankenschwester hat lange im Hospiz mit Sterbenden gearbeitet. Sie hat notiert, was Menschen im Sterben noch wichtig war. Fünf Wünsche hat sie besonders häufig gehört, für viele waren es leider unerfüllbare Wünsche, zu spät erkannt. Sie nennt sie „unerfüllbare Wünsche an die Vergangenheit“

1. Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, mir im Leben selbst treu zu bleiben – anstatt ein Leben zu führen, das andere von mir erwartet haben.
2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
3. Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, meine Gefühle zu zeigen.
4. Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben.
5. Ich wünschte, ich hätte mich glücklicher sein lassen.

Leben im Hospiz

Predigt, gehalten am 29.1. in einem Radiogottesdienst für den NDR:

Steve Jobs, der Gründer von Apple, hat vor seinem Tod eine vielbeachtete Rede vor Studenten gehalten. Er sagte: „Mir ins Gedächtnis zu rufen, dass ich bald sterbe, ist das wichtigste Hilfsmittel, um weitreichende Entscheidungen zu treffen. Fast alles – alle Erwartungen von außen, jegliche Art von Stolz, alle Angst vor Peinlichkeit oder Versagen – das alles fällt im Angesicht des Todes einfach ab. Nur das, was wirklich zählt, bleibt. Sich daran zu erinnern, dass man eines Tages sterben wird, ist in meinen Augen der beste Weg, um nicht zu denken, man hätte etwas zu verlieren. Man ist bereits nackt. Es gibt keinen Grund, nicht dem Ruf des Herzens zu folgen.“

An Steve Jobs muss ich denken, als ich unser Hospiz in Braunschweig besuche.
Als ich das erste Mal hierher kam, wusste ich nicht, was mich hier erwarten würde. Vor allem: Wer? Und kann ich das überhaupt? Menschen begleiten, die auf ihrem letzten Weg sind? Was soll ich sagen, wenn ich überhaupt etwas raus kriege?
Inzwischen bin ich mehrmals die Woche im Hospiz:
Eine weiße Villa mit großen Fenstern, hell und licht. Wenn ich sie betrete, stehe ich zunächst in einer lichtdurchfluteten Halle. Im Dach sind große Glasflächen eingebaut und wenn ich nach oben schaue sehe ich den Himmel.
Helle, leichte Möbel, ein großes Mobile mit Natur- und Kinderbildern spielt im Wind, ein Tisch mit Infomaterial. Hier ist alles so ganz anders, als manche vermuten. Was wir so gerne trennen, hier kannst du lernen: es gehört zusammen – Leben UND Tod. Aber das zu lernen – ist nicht leicht…

Ja, es ist ein Sterbehaus, aber es ist kein dunkles Haus mit einer bedrückenden Atmosphäre. Der Leiter des Hauses sagt: „Im Hospiz wird gelebt, bis zum letzten Moment. Wenn unsere Gäste einen Wunsch haben, dann sehen wir zu, dass wir ihn möglichst erfüllen können. Wünsche aufschieben können wir hier nicht.

Genau das habe ich in den letzten fünf Jahren erlebt: Das Hospiz ist ein Ort des Lebens – mit seinen schönen und mit seinen tragischen und dramatischen Seiten. Die Menschen, die hier leben, sind Gäste und keine Patienten. Sie brauchen Unterstützung und medizinische Versorgung. Ihre letzten Monate und Wochen verbringen sie, soweit sie es noch können, selbstbestimmt. Hier wird gelebt. Aber hier ist auch der Tod gegenwärtig. Verdrängen, weglaufen und wegsehen – all das findet hier nicht statt. Vieles gelingt noch – vieles aber auch nicht mehr. Hier wird gestorben und Abschied genommen.

In der Küche, bei einer Tasse Kaffee, begegne ich einer älteren Frau. Sie wirkt müde und verunsichert. „Wissen Sie, ich habe meinen Mann lange zu Hause gepflegt. Aber es ging nicht mehr. Ich habe es einfach nicht mehr geschafft. Mein Mann und ich hatten das schon lange so besprochen. Und wir sind beide froh, dass er jetzt hier ist. Aber unsere Kinder verstehen das überhaupt nicht. Papa ist im Hospiz? Das geht doch nicht! Zuhause ist es doch am schönsten!“

Zuhause ist es am schönsten… – diesen Satz höre ich immer wieder. Aber wo ist ein Mensch denn „zuhause“?
Wo seine Möbel stehen?
Mein Zuhause ist da, wo ich mich geborgen fühle, wo meine Lieben nicht nur da sind, sondern auch Zeit für mich haben. Eben nicht den ganzen Tag mit der Organisation des Alltags und der medizinischen Versorgung beschäftigt.
Mal eine Stunde am Bett sitzen können; einfach nur da sein, reden und schweigen –.
das ist Zuhause.
Wo ist ein Mensch in seinen letzten Wochen am besten aufgehoben? Zuhause oder im Hospiz? Ich maße mir keine Antwort auf diese Frage an. Aber eins habe ich gelernt: Egal ob zuhause oder im Hospiz: Wenn dir ein Menschen anvertraut ist, wenn du für ihn sorgen musst, dann glaub nicht, dass du es alleine schaffen kannst oder musst; dann hol dir so viel Hilfe und Unterstützung, wie du bekommen kannst. Du hast immer noch genug zu tun.

Sie sitzt mir gegenüber, die ältere Dame in der Küche, dreht die Kaffeetasse unruhig in der Hand. Sie war immer stark, hat immer gekämpft. Sie hat die Kunst der Ärzte als großen Segen erlebt. Sie ist dankbar für die schönen Jahre, die ihnen trotz der Krankheit noch geschenkt wurden.
Sie erinnert sich aber auch genau an seinen letzten Krankenhausaufenthalt, an den Tag, als der Arzt sagte: „Wir können nichts mehr für ihren Mann tun.“
„Keine Chemo mehr… – bricht er dann nicht zusammen?“, ging es ihr sofort durch den Kopf.

„Und meinem Mann ging es ganz ähnlich“ erzählt sie. „Der dachte: Wenn ich ihr jetzt sage, dass ich übers Hospiz nachdenke, nehme ich ihr dann nicht den letzten Hoffnung?“
Kämpfen oder fügen? Im Krankenhaus oder zu Hause ums Leben ringen – oder im Hospiz in Frieden sterben? Es ist oft unendlich schwer, den richtigen Zeitpunkt für diese Entscheidung zu finden. Und es ist noch viel schwerer, darüber zu reden. Aber es ist wie so oft im Leben: Wenn Dinge unausgesprochen zwischen uns stehen, wenn wir uns nicht trauen zu reden, verlieren wir kostbare Zeit.
„Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf das ich klug werde.“ heißt es in der Bibel:
Damit ich den richtigen Zeitpunkt nicht verpasse – und furchtlos über meine Gefühle rede – über das, worüber ich mich freue – und wovor ich Angst habe.

Ich denke an Karl. Ein Gast, der diesen Schritt schon vor einiger Zeit gegangen ist. In seinem Zimmer hängen überall an den Wänden wunderschöne Gemälde: leuchtende Blumen, bunte Landschaften, lachende Menschen. „Die sind aber schön!“. sage ich. „Wo haben Sie die denn her?“
Karl lächelt stolz: „Die sind von mir. Alle im letzten halben Jahr gemalt.“
Und dann erzählt er: „Wissen Sie, ich habe Kunst studiert. Aber dann wurde unsere älteste Tochter geboren. Und mir war gleich klar: Mit deiner Kunst kannst du keine Familie ernähren. Also bin ich in die Industrie gegangen. Ich war beruflich ziemlich erfolgreich, aber zum Malen bin ich nicht mehr gekommen. Erst in der Therapie habe ich wieder damit angefangen. Und es ging noch! Nach all den Jahren! Ich bin dann jeden Morgen um fünf aufgestanden. Bis das Leben im Haus langsam erwachte habe ich erst mal zwei Stunden gemalt.“ Offen sein für die Geschenke, die das Leben mir macht. Verschüttete Talente wieder entdecken und entfalten. Karl hat mir gezeigt: das geht. Auch in den schweren Zeiten des Lebens, manchmal sogar bis ganz zuletzt.

„Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf das ich klug werde.“
Damit ich meine Talente nutze und mich und andere mit ihnen erfreue.

Wir sitzen noch immer in der Küche, der Kaffee ist längst kalt geworden, sie hat nur wenig getrunken. Sie ist verzweifelt. Es ging alles so rasend schnell.
Ihr Mann war immer kerngesund. Sie erinnert sich an den Anfang der Krankheit. Erst klagte er über Schmerzen. Dann die Diagnose, Heilungsversuche, nun das Hospiz…

Ja, Leben kann schön sein, kann gelingen bis zum Schluss. Aber es gibt auch die dunklen Täler. Es gibt Tage, da bleibt dir nichts als Tränen und Klage. Tage, an denen du froh bist, wenn einfach jemand da ist. Ein Mensch, der deinen Schmerz aushält, der schweigen kann. Einer, der dir nicht widerspricht; auch nicht, wenn du nur noch sagen kannst: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Heinz Zahrnt schreibt: „Wohin der Tod auch kommt, dort ist immer schon Gott.“
Wenn ich ihr doch etwas von dieser Zuversicht mitgeben könnte. Ich wünsche ihr so sehr, dass sie das glauben kann.
Wir stehen auf, ich begleite sie an seine Zimmertür. „Es ist alles so furchtbar!“, schluchzt sie. Da hören wir aus dem Zimmer die Stimme ihres Mannes, sie klingt fest, fast fröhlich:
„Nichts ist furchtbar!“.

Amen.