Schlagwort: Smartphone

Smartphone und Schokolade

„Gott begegnest du nur in der Stille.“ 
Das sagen zumindest viele spirituelle Lehrer.
Doch in die Stille kommen ist unglaublich schwer.
In einem Versuch bat man die Teilnehmer: „Setzen Sie sich für 15 Minuten in diesen Raum und tun Sie einfach mal gar nichts.“ 
Nur eines war den Testpersonen erlaubt: Auf dem Tisch stand ein großer, roter Button. Den konnten sie jederzeit drücken – allerdings bekamen sie dann einen Stromstoß. 
Das durften sie vorher schon mal ausprobieren und der Stromstoß war so schmerzhaft, dass die meisten sagten: „Das Ding fasse ich nie wieder an!“ 
Dann saßen sie allein im Zimmer. 
Stille. Fünfzehn lange Minuten nichts als Stille.
Und was geschah? Ein Viertel der weiblichen und zwei Drittel der männlichen Versuchsteilnehmer drückten mindestens einmal auf den roten Button. 
Es ist so: Wir können Stille nur schwer aushalten, müssen immer was tun. Kein Wunder, dass wir unser Smartphone so lieben:
Das Ding liegt wie eine Stück Schokolade auf dem Esstisch. Wenn mir langweilig wird, greife ich zu – mal sehen, ob wer geschrieben hat, wie das Wetter wird…

Ich lege das Smartphone ab und zu ganz bewusst beiseite. Halte es aus, mal nichts zu tun. Genieße die Stille. 

Wenn dein Kind dich fragt…

Emmy hat zu ihrem vierten Geburtstag eine Kinderbibel bekommen.
Sie blättert darin und bleibt bei einem Bild hängen: Mose hat die Zehn Gebote bekommen, er trägt die zwei Steintafeln in der Hand. 
„Das sind aber komische Tablets!“ meint sie. 
Verrückt, oder?
Das erste Tablet kam vor gut acht Jahren auf den Markt. Heute ist es das Tor zur Welt.
Wo soll das noch hinführen?Wenn die Jugendlichen uns fragen: „Was ist wichtig für unsere Zukunft?“ 
Was sollen wir antworten?
Der Historiker Yuval Noah Harari meint: „Ich würde den Jugendlichen raten: Hört nicht auf die Erwachsenen! Sie meinen es sicher gut mit euch. Aber sie kommen einfach nicht mehr mit. Die Entwicklung ist zu schnell und zu unübersichtlich.“
Er hat recht. Wir können der nächsten Generation nicht sagen, was sie tun und was sie lassen soll. Das sollten wir uns auch gar nicht anmaßen. 
Kein Mensch weiß, was kommt.
Aber trotzdem. Wenn ein junger Mensch mich fragt, was ist wichtig für mein Leben, dann würde ich antworten:
„Die Haltung. Sei nicht nur für dich selbst da, sondern auch für andere. Mach dir klar: Dein Leben hat einen Sinn – und überleg dir immer wieder welchen. Setz dich für andere ein – für Menschen, Tiere und Pflanzen, für alles, was lebt. Dein Leben ist ein Geschenk. Mach was draus! Für dich und für uns. 
Dann bist du gesegnet. 

Smartphone und Freiheit

Wir haben uns lange nicht gesehen. Jetzt stehen wir in uns der St. Nicolai Kirche in Göttingen gegenüber. Wir freuen uns und wir wollen uns nicht wieder aus den Augen verlieren, also: noch schnell die Handynummern austauschen. Wir zücken unsere Smartphones. Da kommt ein Kollege auf uns zu und sagt: „Ihr wisst schon, dass Ihr hier in der Kirche seid, oder?“ Wir schauen uns an. Was soll das denn?
Ein paar Tage später lese ich in dem Roman „Willkommen in Lake Success“ folgende Episode: Barry ist pleite, seine Ehe am Ende. Er ergreift die Flucht. Barry wirft sein Handy in die Mülltonne, steigt in den nächsten Bus und fährt los. Als er sich ein wenig beruhigt hat, will er doch noch mal schnell im Büro anrufen. Er greift in die Sakkotasche. Er hat Aber kein Smartphone mehr! 
Er ist frei! 
Ja, es stimmt: Es macht es mich nicht frei, dass ich immer und überall erreichbar bin, ganz im Gegenteil. Am schlimmsten ist es, wenn ich vor einem Gespräch vergessen habe, das Handy abzustellen – wie peinlich! Aber ich fühle mich auch unwohl, fast nackt, wenn das Ding nicht in Reichweite liegt. Meine wichtigste Verbindung zur Welt ist ein kleiner, schwarzer Kasten. 
Romanheld Barry schmeißt sein Smartphone weg. 
Soweit werde ich nicht gehen. Aber es muss Orte der Freiheit geben. Da ist das Smartphone tabu. 
Die Kirche ist so ein Ort.

Jetzt!

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat leidenschaftlich gern telefoniert. Das Gespräch mit einem Freund konnte schon mal zwei, drei Stunden dauern. Der hatte es ja noch gut. Zu seiner Zeit gab nur ein einziges Telefon im Haus. Wenn er gesprochen hat, war halt besetzt. Niemand hat gestört.
Bei mir ist das ganz anders. Ich spreche im Festnetz – da brummt das Handy. Was machst du jetzt? Rangehen oder weiter telefonieren? Ich schaue auf das Display. O Mann, es ist der Handwerker. Ich warte schon ewig auf seinen Rückruf. Egal, ich gehe jetzt nicht ran. Aber aus meinem Gespräch bin ich erst mal raus. Muss mich wieder ganz neu konzentrieren.
Eine andere Situation: Wir sind mitten im Taufgespräch. Da macht es in der Sakkotasche des stolzen Papas „Ping.“ Aha. Eine Kurznachricht. Von wem mag sie sein? Er schaut natürlich nicht gleich nach. Aber ich spüre deutlich: er ist nicht mehr so ganz bei der Sache. Es dauert eine Weile, bis er wieder im Gespräch ist.
Dietrich Bonhoeffer hat vor knapp 90 Jahren gesagt: Du kannst Gott nur in der Gegenwart erfahren. Wer aus der Gegenwart flieht, der flieht vor Gott. Wenn ich nicht hier bin, in diesem Moment, dann verpasse ich das Leben dann verpasse ich die Liebe – dann verpasse ich Gott.

Hier zu sein. In diesem Moment. Genau das fällt mir immer schwerer.

Dabei ist es das einzige, was ich habe: diesen Moment. Und es ist so leicht, ihn zu verpassen: mal eben die Mails checken, die neuesten Nachrichten lesen, das neue Video vom Enkelkind ansehen. Was um mich herum geschieht, verliert ganz schnell an Bedeutung.

Ich habe all diese Ping und Peng Töne bei meinem Smartphone abgeschaltet. Wenn ich in einem Gespräch bin, stelle ich das Teil in den Flugmodus, dann kann wirklich keiner mehr stören.

Ja, das Smartphone ist praktisch. Aber ich muss noch eine Menge lernen, damit ich das Leben nicht verpasse.

Auswendig lernen und der 121. Psalm

Radioandacht für NDR 1 Niedersachsen Freitag, 14.02.14

Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden haben inzwischen fast alle ein Smartphone. Sie lieben diese Dinger und können sich ein Leben ohne kaum noch vorstellen. Und ja, die neuen Medien haben auch den Konfirmandenunterricht verändert. Früher habe ich mit meinen Konfis immer ein „Bibelquiz“ gespielt. Das ging so:
Jeder hatte seine Bibel in der Hand und ich stellte ihnen eine Aufgabe, zum Beispiel: Mit welchen Worten beginnt der 121. Psalm?
Die Konfis begannen zu blättern und wer den Psalm als erstes gefunden hatte, hatte gewonnen. Das konnte schon mal ein paar Minuten dauern. Dann rief die erste: „Hier! Ich habe es!
Psalm 121: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“

Heute ist das anders. Wenn ich ihnen erlaube, ihr Smartphone zu benutzen, brauchen sie höchstens zehn Sekunden. Sie tippen auf ihre Handys und schon haben sie den ganzen Text vor Augen. Sie können mir auch sofort sagen, wann Martin Luther geboren wurde oder wo in der Bibel die Bergpredigt steht. Faszinierend! Alles Wissen ist in Sekunden verfügbar. Also wenn ich damals in der Schule so ein Ding gehabt hätte…
Die Last des ewigen Blätterns und Suchens haben meine Konfirmanden nicht mehr. Es bleibt mehr Zeit, sich in einen Text vertiefen, ihn für das eigene Leben fruchtbar machen.
Und genau das versuchen wir mit unseren Konfirmanden.
Dafür ein Beispiel: Auf der Freizeit im Harz beten wir mit den Konfirmanden jeden Morgen den 121. Psalm. Ich spreche vor, die Konfirmanden sprechen nach. Am ersten Tag nur die ersten beiden Zeilen:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“
Wir sind einen Moment still.
Können nachdenken: Woher kommt mir Hilfe?
Am nächsten Morgen kommt die nächste Zeile dazu:
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
So kommt jeden Tag ein Vers dazu und am Ende der Woche haben unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden den ganzen Psalm auswendig gelernt, im Herzen bewegt.
Sie können etwas mitnehmen von der Glaubensgewissheit dieses Psalms, von dem Segen, der trägt: Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Und wenn sie einige Formulierungen vergessen? Das ist nicht schlimm. Sie können ja nachlesen. Denn sie haben den uralten Psalm in weniger als zehn Sekunden wieder auf dem Display. Vielleicht gibt es ja doch – den „Segen der Technik“.

Segen der Technik

Andacht auf NRD 1 Niedersachsen Donnerstag, 13.02.14

Als Christine zum Studium nach München geht, ist ihre Oma in Braunschweig sehr traurig. „So weit weg! Da hören wir ja gar nichts mehr von einander!“ „Ach Oma“, sagt Christine, „das ist doch heute kein Thema mehr! Wir skypen!“
Und so ist es gekommen. Jeden Mittwochabend schaltet die Oma ihren PC an, klickt auf ein Programm – und schon sieht sie ihre Enkelin auf dem Bildschirm und kann mit ihr reden, manchmal stundenlang. „Ist schon verrückt“, denkt Christines Oma. „Wir sind uns näher als früher – dabei ist sie so weit weg.“ Ihr Mann schaut ihr nur ab und zu misstrauisch über die Schulter. „Dieser neumodische Kram!“, sagt er: „Das ist nichts mehr für mich.“

„Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation.“
So heißt ein Buch des französischen Philosophen Michel Serres.
Serres ist 83 Jahre alt und er ist begeistert von den Möglichkeiten, die das Internet den jungen Menschen von heute bietet.
Er nennt die Kinder der vernetzten Generation „Däumlinge.“ Ich habe sofort an das Märchen vom Däumling gedacht, doch Serres meint etwas anderes. Er schreibt: „Voller Bewunderung habe ich gesehen, wie sie, schneller als ich mit meinen steifen Fingern es je könnte, mit ihren beiden Daumen SMS verschicken. Da habe ich sie mit der größten Zuneigung, die ein Großvater zum Ausdruck bringen kann, Däumelinchen und Kleiner Däumling getauft.“

Die jungen Menschen von heute leben in einer ganz anderen Welt als ihre Großeltern. Wissenschaftler sagen: „Der Umbruch, den wir gerade erleben, ist vergleichbar mit der Bronzezeit und der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Und das alles in der unglaublich kurzen Zeitspanne von zwanzig, dreißig Jahren. „Sie werden in einer ganz anderen Welt leben als wir. Und sie werden eine bessere Welt schaffen“, schreibt – oder vielmehr hofft – Michel Serres.

Däumling und Däumelinchen.
Natürlich denke ich da an meine Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Wie werden sie in Zukunft leben? Woran werden sie glauben?
Ich bin da nicht so zuversichtlich wie Michel Serres, aber es hilft nichts. Wenn ich mit meinen Konfis im Gespräch bleiben will, wenn ich wissen will, was sie denken und fühlen, dann muss ich mich auf die neuen Medien einlassen. So wie die Oma, die mit ihrer Enkelin einmal rund um den Erdball skypt.
Ich will es mit Paulus halten. Der schreibt in der Bibel: „Prüft alles. Das Gute aber behaltet.“

10 Smartphone Gebote

Andacht für NDR 1 Niedersachsen.
Dienstag, 11.02.14 gegen 9.20 Uhr

„Was wirst du dir von deinem Konfirmationsgeld kaufen?“, frage ich Lukas. Ein Lächeln geht über sein Gesicht: „Ganz klar! Ein Smartphone!“
Lukas ist einer der wenigen in unserer Konfirmandengruppe, die noch keins haben. Und er freut sich sehr drauf. „Ist doch toll, wenn man mit seinen Freunden immer Kontakt haben kann“, sagt er. „Sie verabreden sich fast nur noch über WhatsApp und ich bin dann außen vor. Und es gibt so viele tolle Möglichkeiten: Fotos, Videos, Musik. Alles kannst du verschicken!“

Ja, meine Konfis lieben ihre Smartphones. Sie können kaum noch ohne. Aber sie sind nicht naiv im Umgang mit der neuen Technik.
Wir haben im Konfirmandenunterricht lange über ihre Erfahrungen mit dem Internet gesprochen, auch über die schlechten. Sie haben erzählt vom Mobbing im Netz und wie schwer man sich dagegen wehren kann; vom Ärger mit den Eltern, wenn sie nur noch vor dem Gerät hocken und nichts mehr mitkriegen. Einige dürfen ihr Smartphone nicht mit in die Schule nehmen. Das finden sie zwar lästig, aber sie sehen es auch ein – irgendwie.
Wir haben viel geredet, und dann haben meine Konfirmandinnen und Konfirmanden ihre10 Gebote zum Umgang mit Smartphones formuliert.
Hier sind sie:
Du sollst nicht mobben.
Gib nicht zu viel von dir preis.
Du sollst nicht stalken.
Du sollst keine fremden Seiten manipulieren.
Unterscheide öffentliches und privates.
Lass auf Feiern und in Gruppen dein Smartphone aus.
Kenne deine Grenzen
Hab Respekt vor den anderen.
Sei verständnisvoll.
Sei nicht feige, sondern mutig und ehrlich.

Sei nicht feige, sondern mutig und ehrlich. Das ist für mich das schönste ihrer Gebote. Und ich wünsche ihnen, dass sie das immer beherzigen. Nicht nur im Internet, auch sonst im Leben.

10 Smartphone Gebote

Meine Konfis haben sie geschrieben:

10 Smartphone Gebote.
Verfasst von den Konfirmanden aus St. Martini und St. Michaelis in Braunschweig:

1. Du sollst nicht mobben.
2. Gib nicht zu viel von dir preis.
3. Du sollst nicht stalken.
4. Du sollst keine fremden Seiten manipulieren.
5. Unterscheide öffentliches und privates.
6. Lass auf Feiern und in Gruppen dein Smartphone aus.
7. Kenne deine Grenzen
8. Hab Respekt vor den anderen.
9. Sei verständnisvoll.
10. Sei nicht feige, sondern mutig und ehrlich.

O du mein Smartphone…

Ein Abend wie gemalt. Der Mond steht am Himmel, die Sterne funkeln.
Wir sitzen im Biergarten am Okerstrand, genießen den Spätsommer.
Am Nachbartisch ein junges Pärchen. Sie strahlt ihn mit großen Augen an.
Doch er?
Ich kann es nicht fassen! Er bekommt das gar nicht mit! Sein Blick ist starr nach unten gerichtet, auf sein Smartphone. Er tickert irgendeine Nachricht in das Gerät. Wahrscheinlich teilt er seinen Kumpels mit, wo er gerade ist. Triumph der Technik!
Der Zauber des Augenblicks ist verflogen.
Sie schaut gelangweilt in ihr Weinglas, er starrt weiter in sein Smartphone.
Als ich meinen Konfirmanden von dieser Szene erzähle, reagieren sie fast trotzig: „Ja Herr Meiners, so ist das heute! Man kann nicht mehr ohne! Schauen Sie sich doch mal um! In der Fußgängerzone! Im Bus! Sogar auf dem Fahrrad! Alle haben so ein Ding in der Hand. Man muss immer „on“ sein. Wer nicht dabei ist, ist so was von raus!“
Es stimmt. Überall starren Menschen auf diese kleinen Geräte und vergessen die Welt um sich herum. Ich kenne das auch. Es ist faszinierend: Ich sehe, was mein bester Freund in Sydney grade macht, höre Musik, die ich liebe, verbinde mich mit anderen, die das gleiche mögen wie ich, diktiere einen guten Gedanken für die Predigt am Sonntag.
Doch kein Mensch muss immer„on“ sein. Wir müssen lernen, mit den Dingern vernünftig umzugehen. Im Konfirmandenunterricht schreiben wir jetzt die „10 Gebote für den Umgang mit dem Smartphone.“ Und am Anfang steht die Erkenntnis:
Wer glaubt, ein Gerät kann einen Menschen ersetzen, den strahlen keine großen Augen an.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Smartphones oder NSA im Kleinen

Wir waren mit unseren Konfirmanden einen Tag pilgern. Das Wetter war gut, die Stimmung bestens. Nur eins hat gewaltig genervt: In jeder Pause hatten die Kids sofort ihre Smartphones in der Hand und tickerten los.
Das hat mich zu einer kleinen Phantasiereise inspiriert:

Stell dir vor: Du hast dein Leben total im Griff.
Du hast Zugang zu allem Wissen, was du brauchst!
Die Mathearbeit ist total schwer. Allen um dich herum steht der Angstschweiß auf der Stirn. Für dich ist das überhaupt kein Thema. Nach zehn Minuten bist du durch damit und glotzt gelangweilt an die Decke.
Du fährst mittags ganz entspannt mit der Straßenbahn nach Hause.
Den Typen dir gegenüber kennst du irgendwoher.
Aber du kannst dich beim besten Willen nicht erinnern. Du scannst ihn kurz und schon hast du das Bild vor dir: Klar! Das ist dieser Schläger aus deiner ehemaligen Schule! Dem gehst du besser aus dem Weg. Da pöbelt er dich auch schon an.
Doch kein Problem: Du hast immer Kontakt zu deinen Freunden und weißt genau, wo sie gerade sind. Ein Flüstern ins Mikro genügt und sie helfen dir. An der nächsten Haltestelle steigen zwei deiner Freunde ein und setzen sich dir gegenüber. Das Großmaul, das dich eben noch angemacht hat, ist auf einmal so klein mit Hut.
Schularbeiten? Musst du nicht mehr machen. Der Nachmittag gehört dir. Du kuckst erst mal in aller Ruhe deine Lieblingsserie, doch dann wird dir langweilig. Du checkst kurz, wo alle deine Freunde sind, dann rufst du sie zu einem kleinen Grillerchen im Park zusammen. Jeder bringt was mit und ihr habt eine Menge Spaß. Nur Melanie nicht. Die sitzt die ganze Zeit nur da. Sie sieht auch verheult aus. Du fragst sie, was los ist.
Und sie fängt auch gleich an zu weinen. Sven, ihr Freund, ist in letzter Zeit so komisch. Hat kaum noch Zeit für sie. Du checkst das mal eben. Tatsächlich! Der hat sich in den letzten vier
Mal mit dieser Schlampe aus der Parallelklasse getroffen! Du nimmst ihn sofort beiseite und machst ihm unmissverständlich klar: „Hör zu! Wenn du Melanie verarschst, bist du hier raus, ist das klar?“
Sven senkt sofort schuldbewusst den Kopf und nickt: „Entschuldige! Wird nicht wieder vorkommen! Versprochen!“ Er geht ganz schnell zu Melanie und nimmt sie in den Arm. Die beiden sind wieder glücklich.
„Wie schön ist das Leben!“ denkst du, als du abends im Bett liegst. Ich habe alles im Griff und alle sind glücklich.
Du bestellst dir noch schnell einen schönen Traum und schläfst selig ein.

Die Kids hatten glänzende Augen. „Wenn das ginge, das wäre doch super!“ meinten sie. Auch die Vorstellung, Sven zu überwachen und ihn zur Not auch aus der Clique zu schmeißen war kein Problem. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt…
Erst als ich nachgefragt habe: „Wie würde es euch selber in seiner Situation gehen?“ wurden sie etwas nachdenklicher. Aber sie meinten schon: „Wir würden uns nicht mehr mit der anderen treffen.“
„Aber das geht ja sowieso nicht“ meinten sie dann. „Ist ja alles nur Phantasie.“
Von wegen.
Das Wissen der Welt steht über Google und Co zur Verfügung. Ich bin sicher, dass man die Lösung von Matheaufgaben finden kann und wenn ich das geschickt anstelle, brauche ich mich vor keiner Arbeit mehr zu fürchten.
Das Scannen von Personen ist schon möglich. Und spätestens wenn die Google Brille auf dem Markt ist, wird das zum Massenphänomen: „Wer ist die schöne Kleine da am Tisch gegenüber? Wo geht sie zur Schule? Was sind ihre Hobbies?“ Die Kids wurden ganz still, als sie das hörten.
Und schließlich: eine Clique zu überwachen, ist überhaupt kein Problem. Sie müssen sich nur alle bei „Meine Freunde suchen“ anmelden. Die App ist kostenlos. Und schon weiß der große Boss, was jeder tut.
Meine Konfis wurden sehr nachdenklich.
In der nächsten Stunde werden wir „10 Gebote zum Umgang mit Smartphones“ aufstellen. Ich bin gespannt.