Autor: Friedhelm Meiners

Einschulung oder: Du sollst nicht

Als das Volk Israel sich auf den langen Weg der Freiheit macht, bekommt es eine Richtschnur mit:
die Zehn Gebote.
Acht dieser zehn Gebote enthalten eine Negation, ein „nicht“:
„Du sollst nicht.“
Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen…
Warum ist das so?
Warum bekommt das Volk nicht viele gute Wünsche mit auf den Weg?
Dahinter steckt eine tiefe Weisheit:

Es ist viel wichtiger, schlechtes zu vermeiden, als Gutes zu tun.

Das klingt beim ersten Mal Hören etwas merkwürdig. Aber schauen wir genauer:

Eine Freundschaft, die über viele Jahre gewachsen ist, kann mit einer einzigen dummen Bemerkung zerstört werden.
Du fährst dreißig Jahre lang unfallfrei Auto und passt einen Moment nicht auf…

„Der wird seines Lebens nicht mehr froh.“
Diese Redewendung sagt genau das:

Es ist im Leben wichtiger, Schlechtes zu vermeiden als Gutes zu tun.

Heute werden unsere Kleinen eingeschult.
Sie machen sich mit so vielen Erwartungen auf den Weg.
Und gerade bei diesen kleinen Menschen ist es so wichtig, schlimme Dinge zu vermeiden.

Du sollst dein Kind nicht beschimpfen.
Du sollst dein Kind nicht belügen oder bestehlen.
Du sollst die Träume deines Kindes nicht gedankenlos oder mutwillig zerstören.
Du sollst gegenüber deinem Kind auf keinen Fall Gewalt anwenden.
Du sollst nicht schlecht über dein Kind reden.

Und natürlich sollst du auch Gutes tun, aber vielleicht tatsächlich im Verhältnis 8:2

Du sollst die schönen Tage, die Feiertage, mit deinen Kindern genießen.
Du sollst dein Kind ehren, ihm mit Respekt begegnen – so, wie du Vater und Mutter ehrst….

Knopf im Ohr

Sie steht mir gegenüber, strahlt mich an und nimmt den Knopf aus dem Ohr.
„Du hörst viel Musik?“ frage ich.
Sie lacht: „O ja! Am liebsten hätte ich die Dinger den ganzen Tag auf. Immer die richtige Musik zum richtigen Anlass.“

Was haben wir doch für Möglichkeiten!
Du kannst jederzeit und überall die Musik hören, die dir gefällt.
Der Soundtrack für dein Leben.

Was hätten wohl Paul Gerhardt oder Johann Sebastian Bach davon gehalten?
Ob sie auch mit dem Knopf im Ohr…?
Möglich wäre es, oder?
Na gut, die beiden hätten das nicht gebraucht. Sie hatten genug Musik im Kopf.
Aber trotzdem:
Was hätten sie gehört, wenn sie fröhlich oder wenn sie traurig waren?
Das Schöne ist ja: Man muss es nicht einmal verraten. Hört ja keiner.

Bis jetzt war ich skeptisch bei den Menschen, die immer den Knopf im Ohr haben: in der Straßenbahn, beim Joggen, beim Fahrrad fahren… Ich habe auch gern mal vom Gehirnschrittmacher geredet. Und ich selbst kann das gar nicht gut haben, die Musik im Ohr. Habe Angst, dass ich dann nichts mehr mitkriege, „Angst vor Kontrollverlust,“ würden die Psychologen sagen.

Immer den Knopf im Ohr? Ach ich weiß nicht.
Aber ab und zu ist es doch ganz schön: meine Musik.
Ganz für mich allein.
Was würde ich heute morgen hören?
Das verrate ich nicht.
Nur so viel: Sicher etwas fröhliches.

Leben.

„Ich habe keine Uhr“ sagt sie.
„Brauch ich nicht.“
Sie ist den ganzen Tag für andere da.
Hat Zeit. Aber keine Uhr.

Petrus sagt zu einem, der sich nicht mehr rühren kann:
„Im Namen von Jesus aus Nazareth, steh auf und geh umher.“

Umhergehen.
Einfach so.
Kein Ziel vor Augen.
Kein Masterplan.
Bei dem stehen bleiben, der dich gerade braucht. Mit ihm lachen und weinen. Die Zeit vergessen. Im Namen von Jesus Christus aus Nazareth.

Abraham oder die Versuchung des Alters

„Abraham aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“
Ein alter Mann, fürwahr! Was hat den eigentlich getrieben?
In der Bibel heißt es ganz schlicht: „Und der Herr sprach zu ihm.“
Den Herrn kannst du durch „das Leben“ ersetzen, oder „die Sehnsucht“ oder auch die drohende Langeweile. Jedenfalls verfolgt er ein ganz anderes Lebensmodell als wir: Mit 75 will doch nun wirklich keiner mehr arbeiten. Und schon gar nicht die Stadt verlassen und als Nomade durch die Gegend ziehen. Rechtlos und nur mit dem, was er und seine Sippe tragen kann. Altersvorsorge hat er ja betrieben, er ist ein vermögender Mann. Und wenn er schon keinen Sohn hat, so doch Lot, seinen unsteten Neffen. Den zieht er mit.
Er gibt seine Träume nicht auf; nicht den vom Sohn und auch nicht von den von einer Zukunft. Und er ist sich sicher, dass das Leben auf seiner Seite steht, immer noch. Warum eigentlich? Er ist alt. Hat es hinter sich. Nicht nur für uns, auch für seine Verwandtschaft, für „seines Vaters Haus.“ Die Erben lecken sich schon die Lippen. Wo kein Sohn ist wird verteilt.
Er hört eine Stimme.
Die sagt: „Das war es noch nicht, mein Lieber!“
Es ist so schön, sich einzurichten. Es ist so bequem zu sagen: „Das muss ich mir nicht mehr antun.“ Es ist ja vorgesorgt.
Abraham sagt das nicht.
Er widersteht der Versuchung des Alters.

In Würde

Sie wird aus dem Krankenhaus entlassen.
Vermutlich wird das zu Hause eine Katastrophe; aber sie kann so leben wie sie will.
In Würde.
Würde kann auch heißen, für einen anderen da zu sein, sich von ihm durch die Gegend scheuchen lassen. In Liebe. Das ist etwas, was ich erst jetzt langsam begreife.
Würde heißt auch: „Natürlich ist das Wahnsinn. Aber ich will das so. Lass es mich machen.“
Die Würde ist immer gefährdet. Es würde ja auch ganz anders gehen.
Diese beiden sind ein Phänomen. Sie war immer für ihn da. Er sagt: „Unsere Liebe lebt immer noch.“
Sie strahlt.
Verrückt.
Verrückte, schöne Würde.

Vom Fußball und vom Glauben

Das Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.

Vom Fußball und vom Glauben
Fußball und Glauben haben viel gemeinsam, das zum Beispiel:
Eben bist du noch so sicher, es wird klappen. Und auf einmal geht gar nichts mehr.
Fußballer versuchen das Unmögliche. Mit der Hand kannst du den Ball perfekt spielen. Handball und Basketball leben davon, jeder Fehler wird bestraft. Beim Fußball ist das anders. Fußball ist eine Aneinanderreihung von Fehlern. Eigentlich klappt selten etwas. Drei Tore in einem Spiel sind schon viel. Selbst die allerbesten können es nicht in Vollendung. Auch einem Messi unterlaufen Fehler, er verschießt den entscheidenden Elfmeter. Der Mensch ist eben nicht perfekt. Aber er versucht es, immer wieder. Und er versucht genau das, was er eigentlich nicht kann. Im Fußball wie im Glauben. Die Regeln sind sehr einfach. Aber es fällt so schwer, sie richtig auszulegen und vor allem: sich dran zu halten. War der wirklich im Abseits? War das jetzt ein Foul oder ein ganz normaler Zweikampf? Muss der vom Platz oder reicht eine Verwarnung?
Fußballer versuchen das Unmögliche: den Ball mit dem Fuß spielen.
Glaubende versuchen das Unmögliche: das Leben deuten, ihm einen Sinn geben; sich nicht nur auf das verlassen, was sie sehen und mit dem Verstand begreifen.
Du riskierst viel, machst dich auch schnell mal lächerlich. Perfekt ist es selten; aber wenn, dann sind das die großen, unvergesslichen Momente des Lebens.
Jeder kann mitspielen, jeder kann mitreden, natürlich. Aber wer es selbst mal versucht hat, lernt Demut. Es ist so schwer. Eigentlich unmöglich.
Und irgendwann ist das Spiel vorbei. Aber es war ja nicht das letzte. Wir werden es wieder versuchen. Freuen wir uns drauf.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

"Erziehung"

„Übrigens ist es nach den neuesten Erkenntnissen auch überhaupt nicht so, dass Kinder Supermamas brauchen. Man muss die Kinder nicht die ganze Zeit mit Wissen füttern, man muss ihnen auch nicht sechs Sprachen beibringen. Das meiste von diesem Zeug hilf überhaupt nicht. Man muss einfach nur gut genug sein. Zugänglich, aufmerksam. Im Grunde das tun, was sich natürlich und richtig anfühlt. Was darüber hinausgeht, ist überflüssig. Eher als ständiger Unterricht hilft den Kindern sozialer Austausch.
Lassen Sie Ihre Kinder mit anderen spielen, bei Freunden übernachten, solche Dinge.
Das ist geistig wesentlich anspruchsvoller als sechs Stunden Geigenunterricht.
Unser Gehirn ist dazu gedacht, Beziehungen aufzubauen, man sollte Kindern nicht die Gelegenheit dazu verwehren.“

sagt der Journalist David Brooks in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von heute. Er hat das Buch „Das soziale Tier“ geschrieben – schon bestellt 😉

Warum ich meinen Hund mag…

Streunen. Kein Plan. Einfach mal so unterwegs. Sehen, was der Weg so hergibt. Spielen, wenn dir jemand nettes entgegen kommt. Ignorieren, wenn er blöd ist. An jeden Baum pinkeln. Prophylaktisch. Hemmungslos um Aufmerksamkeit betteln. Und um Futter. Einfach los preschen, wenn sich was ergibt. Voller Reue zurückkommen. Aber sei dir sicher: das nächste Mal gehe ich wieder ab. Der Arbeitsspeicher wird alle zehn Sekunden gelöscht. Dann fängt was Neues an. Kann stundenlang in der Gegend liegen. Ohne irgendwas. Und stundenlang laufen, wenn´s lohnt. Kann sich so was von freuen. Ist gern draußen.

Vom Trost und vom Glauben

Jesus sagt: „Der Heilige Geist ist der Tröster.“
Bei einer Andacht im „Betreuten Wohnen habe ich gefragt:
„Was tröstet Sie?“
„Ein gutes Essen, das tröstet mich“ sagte ein älterer Herr. „an einem festlich gedeckten Tisch mit guten Freunden.“
„Musik. Vor allem Gustav Mahler“ sagte eine Dame.
„Kinder, wenn ich Kinder sehe, dann bin ich getröstet“
„Und die Natur. Besonders jetzt, im Frühling.“

Zwei Stunden später rief mich einer der Teilnehmer an:
„Herr Pastor, es ist doch schade, dass niemand über den Glauben als Trost geredet hat.“
„Stimmt – aber du auch nicht“ dachte ich.
Über unseren Glauben reden wir nicht. Oder wenn, dann indirekt: Essen und Abendmahl, Musik und Lob.
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“
„Seht die Lilien auf dem Felde…“