Kategorie: Allgemein

Leben nach dem Tod?

Ich lese gerade „Das Schicksal ist ein mieser Verräter.“
Die Liebesgeschichte zweier krebskranker Jugendlicher.
Das Mädchen, Hazel Grace, ist 16 t, Augustus, der Junge, 18 Jahre alt.
Natürlich fragt Hazel Grace ihren Freund irgendwann:
„Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“
Augustus überrascht sie mit seiner Antwort:
„Ja, absolut. Nicht an einen Himmel, wo wir auf Einhörnern herumreiten, Harfe spielen und in einem Schloss aus Wolken leben. Aber trotzdem: ja.
Ich glaube an Irgendwas mit großem I. Habe immer daran geglaubt.“

Augustus glaubt an irgendwas. Aber natürlich nicht an „das Paradies.“
Ich auch nicht. Aber ich glaube auch, dass es weiter geht. Irgendwie.
Was mich stört an den gängigen Bildern vom Paradies?
Es ist dieser perfekte Stillstand: Die ewig gleichen Harfenklänge, alles freut sich, alles lacht. Der ewig gleiche, perfekte, bewegte Stillstand. Das kann es doch nicht sein, oder?

Die Frage der Fragen

Die Frage der Fragen
Gestern haben wir in einem Gottesdienst unsere „Wackelzähne“ aus dem Kindergarten verabschiedet. Sie kommen nach den Sommerferien in die Schule. Wir wünschen Euch, liebe Kinder, Gottes Segen für Euren weiteren Lebensweg! Geht Eure Wege mutig und fröhlich!
Und wir wünschen Ihnen, liebe Eltern, dass Sie Ihre Kinder dabei mutig und mit viel Liebe unterstützen. Das ist nicht immer einfach.
Es gibt so viele falsche Träume: Der Vater, der will, dass sein Sohn so gut Fußball spielt wie Mario Götze. Die Mutter, die ihre Tochter schon auf dem Laufsteg sieht… Kinder werden viel zu oft auf Rollen und Vorbilder festgelegt. Sie jagen Idealen hinterher, die sie niemals erreichen können.
Es dauert dann oft lange, bis sie ihre Gaben erkennen und den Mut finden, ihren eigenen Weg zu gehen.
Darum, liebe Eltern: Verwechseln Sie Liebe nicht mit falschen Träumen. Haben Sie den Mut, Ihre Kinder ihre eigenen Wege gehen zu lassen, auch wenn es weh tut. Erinnern Sie sich immer wieder daran:
Ihre Kleinen sind vor allem eins: Geliebte Kinder Gottes. So gewollt, wie sie sind.
Dabei mag Ihnen diese alte jüdische Weisheit helfen. Martin Buber hat sie aufgeschrieben. Er nennt sie die Frage der Fragen:
„Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Sussja, warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen?
In der kommenden Welt wird man mich fragen: Sussja, warum bist du nicht Sussja gewesen?“
Pastor Friedhelm Meiners, St. Martini

(Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung

Ein Gedanke zu Pfingsten

Der französische Anthropologe Philippe Descola sagt, dass die ganze Menschheit ein gemeinsames Unterscheidungssystem verbindet:

„das Bewusstsein, dass ich, ebenso wie die anderen Entitäten meiner Umwelt, von einem immateriellen inneren Fluss beseelt bin… “
(Philippe Descola, Die Ökologie der anderen, 107)

Wir Christen nennen diesen immateriellen inneren Fluss „Geist“ – und verwechseln ihn gern mit dem Verstand.
Doch der ist materiell.

Frohe Pfingsten!

Seufzen

Können Vögel beten?
Wer weiß…
Können Menschen beten?
Paulus scheint das nicht zu glauben. Er spricht vom Seufzen und Stöhnen. Davon, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Bitten vernünftig vor Gott zu bringen.
Aber wie sollten wir auch? Sprechen zu dem, der die Welt erschaffen hat. Uns an ihn wenden mit unserem Kleinkram.
Was sollst du beten?
Wie sollst du es in Worte fassen?
Mag sein, dass die Tiere nicht beten – jedenfalls nicht bewusst. Aber ist mein Gestammel wirklich besser? Habe ich irgendeinen Grund, mich über sie zu erheben?
Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Haben eine seltsame Sicht auf alles, was uns umgibt. Trennen zwischen Mensch und Nichtmensch. Bilden uns was darauf ein.
Dabei ist alles nur ein Stöhnen.
Unaussprechlich. Verworren. Ungeordnet.
Manchmal verstehe ich die Vögel besser als die Menschen. Dann kommen mir solche Gedanken wie von ihrem Klagen und Flehen. Sie teilen mit uns den Atem. Den Atem, den die Bibel den Geist nennt, den Ruach, den Wind. In guten Momenten weiß ich das.
Und in guten Momenten weiß ich auch, dass ich keinen Menschen wirklich verstehe – dass ich mir nicht einmal anmaßen sollte, das zu glaube – jemanden zu verstehen; nicht mal mich selbst.
Was treibt mich?
Warum bin ich so wie ich bin?
Oft ist es die Angst, das Seufzen:
Was soll bloß werden?
Das Seufzen. Verworren. Unaussprechlich. Tief aus mir.
Ich bin ein Mensch des Wortes.
Mache mir Sorgen, wenn ich es nicht in Sätze packen kann. Wenn ich nichts zustande bringe außer einem tiefen Seufzer.
Und das, sagt Paulus, ist der Heilige Geist.
Er seufzt. Tief in die dir.
Wie sollte er nicht?
„Das Leben ist Leiden.“ sagt der neugewordene Buddhist ganz stolz. Für ihn eine völlig neue Erkenntnis.
Ach ja?
Was denkst du, warum das Kreuz in der Kirche hängt?
Bruder Vogel. Schwester Buddhistin.
Wir gehören zusammen. Im Seufzen. In der Klage über das, was uns quält. Was wir nicht verstehen.

Gedanken zu Römer 8,26

Sehnsucht

Gebet

Der Gesang der Vögel
an einem Morgen im März.
Es ist kalt. Und dunkel.
Sie singen laut, bedrohlich,
schreien fast:
nach Licht, nach Wärme, nach Leben.

Ihr Gebet wurde erhört.
Die Rosen blühen.

Sie singen anders:
Entspannt, irgendwie.
Die jungen Meisen schwirren durch den Garten.
Sie lernen
Das Fliegen und den Gesang.

Ich glaube…

Mai.
Alles blüht und gedeiht. Einfach so. Es braucht mich nicht. Aber ich darf dabei sein.
Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wird mir immer wichtiger. Irgendwo schwirrt eine kleine Meisen rum. Ich höre sie. Da sitzt sie plötzlich vor mir. Kuckt mich an. Fliegt wieder ab. Spinnweben am Strandkorb. Der Fingerhut fängt an zu blühen. Der Mohn war heutemorgen noch fast geschlossen. Jetzt blüht er in seiner ganzen Pracht. Das braucht mich alles nicht. Aber ich darf dabei sein. Die Sonne auf der Haut spüren. Sehen. Gott meine Augen leihen. Morgenlicht.

Ich glaube an Gott, den Schöpfer…
Über den Glauben reden ist im Mai wie Wasser am Fluss verkaufen.

Am Bett der alten Dame

Am Bett der alten Dame.
Sehe nur graue Haare, ein kleines Gesicht. Leuchtende Augen. Eine leise, atemlose Stimme mit leichtem Akzent.
Rumänien!
Die Heimat klingt mit, in jedem Wort.
Wie schön es da war! Doch dort gibt es schon lange keine Deutschen mehr.
Sie ist ganz allein; ihr Sohn mit knapp fünfzig gegangen. Sie hat ihn die letzten Jahre gepflegt.
Doch keine Bitterkeit in ihrer Stimme. Keine Trauer. Es ist wie es ist. Und es war gut.
Sie hat noch zwei Wünsche: die letzte Ölung. Und dass die Friseurin noch mal kommt.
Sie will ja schließlich gut aussehen, wenn sie da oben ankommt…

You`ll never walk alone

You never walk alone
Konfirmation 2014

Gleich nach dem Gottesdienst beginnt der letzte Bundesliga Spieltag der Saison. Eintracht Braunschweig hat noch eine minimale Chance, die Klasse zu halten. Die meisten der Konfirmandinnen und Konfirmanden fiebern mit.
Ich lege mir den Eintracht Schal um.
*
Wunder gibt es immer wieder.
Aber soll man sich drauf verlassen?
Ich finde schon.
Und wer weiß, vielleicht geschieht heute Nachmittag ja eins.
Ein Fußballwunder.
Wunder gibt es immer wieder. So hieß vor vielen Jahren ein Schlager. Und der ging so weiter:
„Wunder gibt es immer wieder – wenn sie dir begegnen musst du sie nur sehn.“
Das ist das erste, was ich Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, heute sagen möchte:
Ihr seid solche Wunder: Eben ward Ihr noch so klein und verletzlich und jetzt seid Ihr so groß – fast schon erwachsen; erwachsener, als wir uns eingestehen wollen.
Ja, wir sind heute auch hier, weil wir Gott danken wollen – für das Wunder, dass er uns mit euch geschenkt hat.
Wir hatten im Konfer eine tolle Zeit miteinander. Dafür will ich heute ganz persönlich danken. Wir hatten lebhafte Gespräche. Wir haben viel miteinander unternommen: die Freizeit im Harz, das Pilgern durch den Elm, der Besuch im Hospiz.
Ihr habt Euch auf so vieles eingelassen, wart offen und wissbegierig. O ja, Ihr macht Euch eine Menge Gedanken über Gott und die Welt, über Euren Glauben. Und nun werden Ihr konfirmiert. Gefestigt im Glauben.
Ich habe Euch in der letzten Konfer Stunde gefragt, was die Konfirmation Euch bedeutet. Die meisten von Euch haben gesagt:
„Wir werden erwachsen. In unserem Leben beginnt ein ganz neuer Abschnitt.“ Ihr habt Recht.
Ihr geht im Glauben Eure eigenen Wege. Aber, und das sollt Ihr wissen: Ihr geht nicht allein.
*
Nachher ist das große Bundesligafinale. Und ich glaube ja, Ihr könnt vom Fußball einiges lernen für das, was vor Euch liegt.
Das erste: Glaubt nicht, wenn sie euch sagen: Da musst du alleine durch. Du bist ein Einzelkämpfer. Jeder ist sich selbst der Nächste. Nein. Du bist immer Teil einer Gruppe, einer Gemeinschaft. Wir Christen wissen: Das Leben ist ein Mannschaftssport.
Wir beten Vater unser – und nicht Mein Vater.
Jesus war gemeinsam mit seinen Jüngern unterwegs. Er hat immer wieder betont: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Erinnert euch immer mal wieder daran: Ihr seid nicht allein. Ihr lebt auch nicht nur für Euch selbst.
Doch das heißt nicht, dass du dich hinter anderen verstecken kannst. Keine Ahnung, was du gerade bist: Verteidiger, Stürmer, Torwart – vielleicht auch Schiedsrichter. Das Leben hält viele unterschiedliche Rollen für dich bereit. Egal, wo Gott dich gerade hinstellt: Du wirst gebraucht. Gib dein Bestes. Du bist nicht allein, aber es kommt auf dich an.
Also: Versteck dich nicht. Sieh zu, dass du den Ball bekommst.
Und dann?
Dann musst du eins wissen – und das ist ganz wichtig: Der Ballführende wird immer angegriffen. Egal, ob du eine gute Idee hast, ob du Erfolg hast oder gerade besonders glücklich bist im Leben: Es wird immer Menschen geben, die dich angreifen, die neidisch oder eifersüchtig sind, die wollen, was du gerade hast. Das ist eine ganz normale Zugabe des Lebens. Täusch dich nicht: Wenn dein Leben erfüllt, wenn dein Leben gut ist, dann wirst du immer auch leiden. Jesus drückt das so aus: Wenn du ein gutes Leben willst, wenn du Christ sein willst, dann nimm dein Kreuz auf dich. Ja, Leben heißt immer auch leiden. Ohne geht es nicht.
In der Fußballsprache: Du wirst gefoult und das ist bitter.
Aber Du bist auch kein Engel, teilst auch selber ganz gut aus. Gönnst den Anderen ihren Erfolg nicht. Willst den Ball. Um jeden Preis. Manchmal zeigt das Leben dir dafür die Gelbe Karte. Und wenn es ganz schlimm kommt, auch mal die rote. Dann bist du für eine Weile raus. Erinnere dich also immer wieder daran: die anderen sind keine Engel – aber du bist es auch nicht. Wir Christen sagen: Wir sind Sünder. Du hast es immer wieder nötig, dass dir verziehen wird.
Aber auch das sagt unser Glaube: Es gibt keine lebenslange Sperre. Du gehörst immer noch dazu. Denn du bist getauft. Du gehörst zu Gott, du gehörst zum Leben. Du bist genau so wichtig wie die Sterne am Himmel. Du hast ein Recht auf dieser Welt zu sein. Dein Leben ist gewollt.
Und auch wenn das bei den Menschen nicht immer so ist: Gott schenkt dir immer wieder einen neuen Anfang.
*
Also: Der Ballführende wird angegriffen. Das wird dir im Leben passieren. Immer wieder.
Es ist gut, wenn du dann den nötigen Glauben und das nötige Selbstvertrauen hast, um deine Ideen und deine Wahrheit zu verteidigen, wenn du für etwas stehst im Leben.
Aber auch das können wir vom Fußball lernen:
Es gibt nichts Schlimmeres als die Alleinikows.
Das sind die, die den Ball niemals hergeben. Die meinen, dass sie und nur sie die Wahrheit gepachtet haben und dass nur sie es wirklich können. Nein. Im Fußball hat noch keiner ein Spiel alleine gewonnen. Und im Leben auch nicht. Schenk anderen Vertrauen. So wie sie dir Vertrauen schenken. Gib ihnen den Ball. Lass sie tun, was sie besser können als du. Und freu dich an ihren Fähigkeiten. Wir gehören alle zusammen. Und wenn es einem gut geht, dann geht es allen gut. Doch wenn es einem schlecht geht, dann leiden alle mit.
*
Wie Ihr sicher schon gemerkt habt, war ich in dieser Saison oft im Stadion. Es war unglaublich schön, weil es fast immer friedlich war und weil wir hier in Braunschweig in diesem Jahr gelernt haben: Es kommt nicht nur auf den Erfolg an. Es geht auch darum, dass alle ihr Bestes geben, dass sie anständig miteinander umgehen, auch in der Niederlage.
Mein schönster Moment?
Eintracht liegt kurz vor Schluss gegen Stuttgart 4:0 zurück. Und das ganze Stadion singt:
„You never walk alone.“
Gänsehaut pur.
Und genau das wünsche ich Euch, dass Ihr das immer wisst: auch wenn es schief geht, auch wenn es im Leben nicht läuft, wenn es regnet und stürmt:
Ihr seid nie allein unterwegs. Wir sind für Euch da. Gott, zu dem Ihr Euch heute bekennt, will, dass Ihr lebt.
*
Aber was ist, wenn es gar nicht läuft? Wenn das Wunder ausbleibt, wenn all Eure Bemühungen umsonst sind, wenn Ihr absteigt?
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ihr sprecht gleich gemeinsam das Glaubensbekenntnis:
Ich glaube an Jesus Christus: gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben. Erinnert euch in den dunklen Tälern Eures Lebens an ihn:
Es war alles vorbei. Verlassen von Gott und den Menschen. Und dann begann ein ganz neues Leben, unvergleichlich und so groß, wie es sich kein Mensch ausdenken kann.
Niederlagen, Abstieg, ja selbst der Tod: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.
You never walk alone.
Ich wünsche Euch, dass Ihr das nie vergesst.
Amen.

Weißer Sonntag

Liebe Konfirmandinnen!

Wir haben Euch drei in der Osternacht in der St. Martini Kirche getauft.
Dann habt Ihr mit Euren Taufkerzen das Licht in die dunkle Kirche getragen.
Was für ein bewegender Moment für uns alle!
Ihr hattet euch schick gemacht, in schwarzen und weißen Kleidern. Und ich habe Euch vom Weißen Sonntag erzählt:
Schon in den ersten Gemeinden haben die Christen sich gern in der Osternacht taufen lassen. Bis zum Sonntag nach Ostern, dem „weißen Sonntag,“ durften die Täuflinge dann ein weißes Gewand tragen. Sie haben damit aller Welt gezeigt: Mit der Taufe beginnt etwas Neues, Helles in meinem Leben. Ich bin wie neu geboren. Und so heißt auch der Sonntag nach Ostern: Quasimodogeniti – „Werdet wie die neugeborenen Kinder.“
Ihr werdet gerade erwachsen. Auch wenn ihr das im Moment vielleicht gar nicht so gerne hört, aber zum erwachsen werden gehört auch das:
Kind bleiben.
Staunen können.
Jeden Tag das Wunder des Lebens mit neuen Augen sehen – wie den Tau auf der Wiese am frühen Morgen.
Mit dem Wasser der Taufe bringen wir Christen zum Ausdruck:
„Du bist geliebt. Du bekommst jeden Tag einen neuen Anfang geschenkt, wirst neu geboren. Diese geheimnisvolle Kraft, die wir die Liebe Gottes nennen, wird dich dein Leben lang begleiten.“
Ich wünsche Euch, dass ihr das nie vergesst:
Ihr seid getauft! Bringt Licht in die Welt! Und dieses Licht begleite euch am Tag und in der Dunkelheit.
Euer Pastor Friedhelm Meiners

Karfreitag

Karfreitag.
Du denkst nach über das Leid des Einen.
Den Gekreuzigten.
Er steht dir vor Augen.
Auch wenn du es nicht wahrhaben willst: unter dem Kreuz stehst du im Zentrum des Glaubens. Im Zentrum des Lebens.
Dieser grausige Tod vor fast 2000 Jahren.
Geht dich das überhaupt noch was an?

Soweit ich sehen kann, steht in keiner anderen Religion der Tod des Religionsstifters im Zentrum – egal, ob du in ihm Gottes Sohn siehst oder nicht.
Das Kreuz im Zentrum.
Ob du es willst oder nicht – es hat Auswirkungen auf deinen Glauben.
Auf dein Leben.
Das Leiden des Einen.
Das Leiden der Vielen.
Dein Leiden.
Es gehört nicht nur dazu. Es ist nicht nur ein Makel. Es ist dein Erkennungsmal. Du trägst es immer mit dir. Wie Kain sein Mal auf der Stirn.
Der Gekreuzigte.
Seine Jünger werden ihn wiedersehen.
Und woran werden sie ihn erkennen?
An seinen Wundmalen.
Am Kopf.
Sie haben ihm eine Dornenkrone aufgepresst.
In den Händen und Füßen.
Sie haben ihn festgenagelt.
In der Seite.
Sie haben seine offene Flanke gefunden. Und hemmungslos drin rumgebohrt.
Die Wunden verheilen.
Doch der Schmerz? Die Erinnerung?
Die bleiben.
Nie wieder! Nie wieder möchtest du so etwas erleben.
Du wirst deine Wundmale verstecken.
Keiner soll sie sehen! Deine Freunde nicht und deine Feinde schon gar nicht.
Du versteckst deine Wunden.
Versteckst dich selbst. Willst nicht gesehen werden, nicht erkannt.
Verschwindest. Hinter der Maske.
Du denkst über die Wunden der anderen nach.
Siehst das Leid dieser Welt.
Denkst: „Ach, mir geht es doch gar nicht so schlecht – wenn ich an die Menschen in der Ukraine denke oder die Afrikaner, die auf Nussschalen versuchen, nach Europa zu kommen.“
Man muss immer nach unten schauen. Auf die, denen es wirklich schlecht geht. So ist das.
Ist das so?
Der Sohn Gottes versteckt seine Wunden nicht.
Er zeigt sie.
Seinen Vertrauten, seinen Freunden.
Und du?
Hast deine Wunden so gut versteckt, dass du sie selber nicht mehr siehst. Und wenn der alte Schmerz wieder aufbricht, wunderst du dich, wo er wohl herkommt.
Was haben sie dir für eine Dornenkrone in die Stirn gepresst?
Geflochten aus Vorurteilen und Denkverboten, aus „Das macht man nicht“ und „Das ist nun mal so.“
Und du?
Hast einen eleganten Hut aus deinen eigenen Gedanken, deinem Weltgebäude drüber gestülpt.
Die Narben darunter darf keiner sehen. Nicht mal du selbst.
Denkst in den Mustern, die sie dir eingeprägt haben.
Ist nun mal so.
Und sie haben dich auf deine Rolle festgenagelt.
„Hey! Du Weichei! Sei kein Mädchen!“
„Du läufst ja rum wie ein Kerl! So kriegst du nie einen ab!“
Und schon wusstest du, wo es langgeht. Und vor allem: Wo nicht.
„Aber das ist doch normal! Das geht doch allen so!“
Ja, so ist das. Nägel sind Massenware.
Aber das macht es nicht besser.
Und wie oft haben sie deine schwache Seite gesucht und gefunden – drin rumgebohrt, schon in der Schule, schon in der 1. Klasse. Kinder sind grausam.
Die Wunden sind da. Gut verborgen unter den Schichten deiner Jahre. So gut, dass du sie selbst kaum noch siehst.
Was kannst du tun?
Jesus ist sich seiner Wunden bewusst.
Und zeigt sie seinen Freunden.
Sie erkennen ihn an seinen Wunden. Sie gehören dazu. Machen ihn zum Sohn Gottes, zum Menschensohn.
Schau auf deine Wunden. Schäm dich nicht für sie.
Und immer wenn du denkst: „Das ist nun mal so!“ dann sei dir bewusst: Du hast den Hammer schon in der Hand und nagelst einen anderen fest auf das Gerüst, das du für das Leben hältst.
„Das ist nun mal so.“
*
Doch es ist nicht nur die Scham. Es gibt noch einen Grund, warum du deine Wunden so sorgsam versteckst, warum du sie niemandem zeigen willst.
Du willst niemanden damit behelligen.
Du willst niemandem zur Last fallen.
„Ich will niemandem zur Last fallen.“
Wie oft hörst du diesen Satz. Wie oft sagst du ihn selbst:
„Ach lass mal. Geht schon.“
„Ich will niemandem zur Last fallen.“
Was für ein schrecklicher Satz. Und so unsinnig. Du kannst nicht leben, ohne anderen zur Last zu fallen. Du hast als Baby geschrien, wie alle Babys. Warst deinen Eltern eine absolute Last, hat ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Du warst ihre Last – und warst ihr Leben. Eines ist ohne das andere nicht denkbar.
Liebe ohne Last ist wie Leben ohne Liebe.
Keinem zur Last fallen?
Schau auf Jesus in Gethsemane.
Der will in dieser Nacht auf keinen Fall allein sein. Er will, dass seine Jünger mit ihm wachen und beten. Ja, wer will ihnen zur Last fallen, er braucht ihre Liebe.
Doch sie sind nicht da.
Schlafen ein.
Immer wieder.
„Ich will keinem zur Last fallen.“
Diesen Satz hörst du immer wieder – und denkst es womöglich selbst.
Diese Debatte ist ja allgegenwärtig:
„Wenn ich krank werde oder alt und dement – dann will ich vorgesorgt haben. Dann will ich selbstbestimmt in Würde abtreten. Dann will ich keinem zur Last fallen.“
„Ich will keinem zur Last fallen.“
Wenn du diesen Satz sagst, oder wenn du ihn hörst, dann ist Karfreitag:
Weil du nicht glaubst, dass du der Liebe zur Last fallen darfst.
Oder weil du schläfst und deine Liebe nicht zeigst.
Doch Karfreitag ist nicht das letzte Wort.
Du wirst erkannt. An deinen Wunden.
Und du wirst erkennen:
Die Last ist leicht – wenn sie von der Liebe getragen wird.