Abraham aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.
Ein alter Mann, fürwahr! Was hat den eigentlich getrieben?
In der Bibel heißt es ganz schlicht: Und der Herr sprach zu ihm.
Den Herrn kannst du durch das Leben ersetzen, oder die Sehnsucht oder auch die drohende Langeweile. Jedenfalls verfolgt er ein ganz anderes Lebensmodell als wir: Mit 75 will doch nun wirklich keiner mehr arbeiten. Und schon gar nicht die Stadt verlassen und als Nomade durch die Gegend ziehen. Rechtlos und nur mit dem, was er und seine Sippe tragen kann. Altersvorsorge hat er ja betrieben, er ist ein vermögender Mann. Und wenn er schon keinen Sohn hat, so doch Lot, seinen unsteten Neffen. Den zieht er mit.
Er gibt seine Träume nicht auf; nicht den vom Sohn und auch nicht von den von einer Zukunft. Und er ist sich sicher, dass das Leben auf seiner Seite steht, immer noch. Warum eigentlich? Er ist alt. Hat es hinter sich. Nicht nur für uns, auch für seine Verwandtschaft, für seines Vaters Haus. Die Erben lecken sich schon die Lippen. Wo kein Sohn ist wird verteilt.
Er hört eine Stimme.
Die sagt: Das war es noch nicht, mein Lieber!
Es ist so schön, sich einzurichten. Es ist so bequem zu sagen: Das muss ich mir nicht mehr antun. Es ist ja vorgesorgt.
Abraham sagt das nicht.
Er widersteht der Versuchung des Alters.
Schlagwort: Leben
"Erziehung"
„Übrigens ist es nach den neuesten Erkenntnissen auch überhaupt nicht so, dass Kinder Supermamas brauchen. Man muss die Kinder nicht die ganze Zeit mit Wissen füttern, man muss ihnen auch nicht sechs Sprachen beibringen. Das meiste von diesem Zeug hilf überhaupt nicht. Man muss einfach nur gut genug sein. Zugänglich, aufmerksam. Im Grunde das tun, was sich natürlich und richtig anfühlt. Was darüber hinausgeht, ist überflüssig. Eher als ständiger Unterricht hilft den Kindern sozialer Austausch.
Lassen Sie Ihre Kinder mit anderen spielen, bei Freunden übernachten, solche Dinge.
Das ist geistig wesentlich anspruchsvoller als sechs Stunden Geigenunterricht.
Unser Gehirn ist dazu gedacht, Beziehungen aufzubauen, man sollte Kindern nicht die Gelegenheit dazu verwehren.“
sagt der Journalist David Brooks in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung von heute. Er hat das Buch „Das soziale Tier“ geschrieben – schon bestellt 😉
Warum ich meinen Hund mag…
Streunen. Kein Plan. Einfach mal so unterwegs. Sehen, was der Weg so hergibt. Spielen, wenn dir jemand nettes entgegen kommt. Ignorieren, wenn er blöd ist. An jeden Baum pinkeln. Prophylaktisch. Hemmungslos um Aufmerksamkeit betteln. Und um Futter. Einfach los preschen, wenn sich was ergibt. Voller Reue zurückkommen. Aber sei dir sicher: das nächste Mal gehe ich wieder ab. Der Arbeitsspeicher wird alle zehn Sekunden gelöscht. Dann fängt was Neues an. Kann stundenlang in der Gegend liegen. Ohne irgendwas. Und stundenlang laufen, wenn´s lohnt. Kann sich so was von freuen. Ist gern draußen.
Zuversicht II
Der Dichter Sten Nadolny schreibt:
Wenn Dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie.
Der Satz gefällt mir.
*
Als ich das einer Freundin erzähle, sagt sie:
Weißt du was? Ich bin Profi im Erfinden von Zuversichten.
Aber irgendwann schlägt dir der Selbstbetrug gnadenlos ins Gesicht.
Ich erschrecke.
Ja, zur Zuversicht gehört Verletzlichkeit.
Sonst verkommt sie zu diesem hemdsärmeligen, gnadenlosen Optimismus, der mich den ganzen Tag anschreit, aus dem Radio, im Fernsehen. Die drehen sogar den Ton höher, damit ich es auch bloß nicht überhöre:
Wenn es dir schlecht geht, bist du selber schuld! Du musst doch bloß…
*
Zuversicht.
Ein schönes, altmodisches Wort.
Sehen steckt drin; und sich auf die Zukunft freuen.
Zuversicht ist leise.
*
Sie ist Profi im (er)finden von Zuversichten.
Und sie ist verletzlich.
Hoffentlich bleibt sie beides.
*
Heute Morgen im Garten leuchtet der erste Mohn.
Zuversicht
„Wenn dir die Zuversicht ausgeht,
erfinde sie“
Sten Nadolny
zitiert nach der FAS vom 13. Mai 2012
Im Käfig
Beim Joggen steht plötzlich eine Frau auf dem Gehweg und bittet mich, anzuhalten.
Mitten auf dem Weg steht ein Vogelkäfig. Draußen fliegt ein gelber Wellensittig verzweifelt gegen die Käfigstangen.
Er findet den Eingang nicht.
Ich habe ihn hier schon ein paar Tage rumfliegen sehen sagt die Frau. Lange hätte er nicht mehr durchgehalten.
Dann, endlich! Der Wellensichtig findet die Tür.
Er ist gerettet.
Im Käfig.
Ostern
Direkt unter dem Nistkasten hängt ein Spiegel.
Und die Meise?
Sie fliegt hektisch hoch und runter, ist völlig irritiert, weiß nicht, was sie von ihrem Spiegelbild halten soll.
Der Eingang zu ihrem Nest liegt direkt vor ihr. Sie schaut kurz rein, kommt wieder raus. Sie kann nicht rein! Muss erst ihren imaginären Feind erst besiegen!
Matthias Claudius dichtet:
So sind wohl machen Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehen.
– So sind wohl Illusionen,
die immer in uns wohnen,
weil unsere Augen nur sie sehn.
Scheingefechte und Spiegelbilder, die uns kaputt machen.
Wann ist Ostern? Wenn diese Scheingefechte aufhören; wenn wir aufhören uns zu spiegeln in unseren Illusionen, Selbstbildern; dem, was wir für die einzige Wirklichkeit halten. Ja, wenn auch die Zweifel am Ende sind, ein Ende haben.
Bei der Meise ist es einfach. Ich habe den Spiegel umgedreht. Der Feind, der nie da war, ist verschwunden.
Bei mir ist das schon schwerer. Ich kehre immer wieder in mein Spiegelkabinett zurück…
Segelschiffe, Dampfer und das Leben…
Ein Segelschiff ist dem Leben näher als ein Dampfer: Es reicht nicht zu wissen, wohin du willst, denn das Leben besteht wie der Kurs eines Segelschiffs fast nur aus Umwegen, für die mal Windstille und mal Sturm verantwortlich sind.
schreibt Carsten Jensen in Wir Ertrunkenen.
Bleibt die Frage, ob wir unser Leben nicht immer stärker an das Dampfschiffideal anpassen.
Es muss immer unter Dampf stehen, immer gleichmäßig vor sich her stampfen, muss immer dasselbe Tempo haben, egal, wie das Wetter ist.
Es ist laut, du hörst immer dasselbe Wummern aus dem Bauch des Schiffes.
Und die Richtung soll immer dieselbe sein. Umwege verboten.
Was für ein trostloses Dasein.
Über die Hoffnung…
„Die Hoffnung kann wie ein Pflanze sein,
die sprießt und wächst
und den Menschen am Leben erhält,
aber auch wie eine Wunde,
die nicht heilen will.“
Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen, S. 71
