Schlagwort: Liebe

Ich glaube…

Mai.
Alles blüht und gedeiht. Einfach so. Es braucht mich nicht. Aber ich darf dabei sein.
Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wird mir immer wichtiger. Irgendwo schwirrt eine kleine Meisen rum. Ich höre sie. Da sitzt sie plötzlich vor mir. Kuckt mich an. Fliegt wieder ab. Spinnweben am Strandkorb. Der Fingerhut fängt an zu blühen. Der Mohn war heutemorgen noch fast geschlossen. Jetzt blüht er in seiner ganzen Pracht. Das braucht mich alles nicht. Aber ich darf dabei sein. Die Sonne auf der Haut spüren. Sehen. Gott meine Augen leihen. Morgenlicht.

Ich glaube an Gott, den Schöpfer…
Über den Glauben reden ist im Mai wie Wasser am Fluss verkaufen.

Heiligabend

Wissen Sie, was mir in diesem Jahr an der Weihnachtsgeschichte besonders wichtig ist?
Niemand gibt kluge Ratschläge!
Zwei Menschen gehen in die Dunkelheit. Getrieben von finsteren Mächten. Ein Akt der Willkür. Sie können sich nicht wehren.
Die ganze Weihnachtsgeschichte atmet Respekt und Achtung vor dem Schicksal dieser beiden Menschen.
Die Hirten kommen und sehen sie in ihrem tiefen Elend.
Doch sie wahren Abstand.
Es fällt kein Satz wie „Jetzt müsst ihr aber…“ oder „Wie konntet ihr nur?“
Die Hirten überschreiten niemals die Grenze, die Menschen beschämt und noch tiefer ins Elend stürzt.
Kein Vorwurf. Kein Ratschlag.
Die Hirten sind einfach nur da, nehmen die Situation an.
Dann kommen die Weisen aus dem Morgenland.
Weitgereiste Männer mit viel Erfahrung und einem reichen Wissensschatz.
Hier schweigen auch sie.
Geheimnis der Heiligen Nacht.

(Auszug aus meiner Heiligabend Predigt)

Ihnen und Euch allen: Frohe Weihnachten!

Advent

Advent
In der Tradition ist der Advent auch eine harte Zeit: die kleine Fastenzeit.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.
Dabei ist es so naheliegend:
Zwei Menschen müssen in die Dunkelheit. Gemeinsam und jeder für sich allein. Eine unsinnige Reise. Befohlen von einer fremden Macht.
Ein gefährlicher Weg liegt vor dir.
Was tust du in so einer Situation?
Du hältst inne. Wappnest dich für das, was vor dir liegt.
Du kannst nur mitnehmen, was du tragen kannst. Wähle es sorgfältig aus.
Besinn dich auf deine Kräfte. Besinn dich auf den Mut und die Liebe, die in dir wohnen. Du weißt nicht, ob du das Ziel erreichst. Es hängt nicht nur von dir ab.
Bald geht es los. Du wirst Abschied nehmen von deinen Verwandten und Freunden. Dabei wirst du manche schöne und manche böse Überraschung erleben. Wer ist dein Freund? Wer hat Angst und keine Zeit? Du bist auf dich allein gestellt. Und bist es nicht. Sammle deine Kräfte für den Weg in die Dunkelheit. Oder durch die Dunkelheit? Am Anfang des Weges weiß man das nie.
Es wird keinen Raum geben in der Herberge. Die Gefahren sind groß, die Menschen hartherzig. Du wartest. Fassungslos. Wehrlos. Auf den Fluren der Krankenhäuser. In den Mühlen der Bürokratie.
Sei klug bei jedem Schritt, den du tust. Doch bleib auch offen: Du wirst überrascht sein, wie viel Liebe und Sympathie dir begegnen.
Es ist Raum in der Herberge, im Stall. Und sie sind da: Fremde mit großen, offenen Herzen. Sie können dir nichts abnehmen. Aber sie sind behutsam. Sie achten dich in deiner Angst und in deiner Not. Sie werden dir beistehen. Sie werden deinem Körper Gutes tun und deiner Seele Kraft schenken. Sie werden die besten Kräfte in dir wecken. Sie begleiten dich nur einen Moment. Ganz und gar. Und können dir schenken, was du am nötigsten brauchst:
Hoffnung.
Advent.

aufgelesen…

… ein Gedicht von Uwe Dick, es lässt mich nicht mehr los.
Laut gelesen entwickelt es seine ganze Kraft – und sein Lächeln…

wer weiß denn…

wer weiß denn ihr gräserzungen
fabelschatten ob im innern
des denkens – unergründlich
wie das nachtaug der kröte
oder die wege des quarzes
durch den granit – statt eines
letzten wortes nicht doch
ein lächeln beschlossen ist…

jenes o kerkerherz, das du
deiner liebe – wie oft? – versagtest
(geröllnächte lawinentage und
dergleichen ausreden) obwohl
es einzig ihr bestimmt ist
echo: „dir fliegt mein herz
wie ein törichter vogel zu“ und:
„in die sterne baun wir unser nest.“

mehr glück als verstand
im reißenden flug der jahre
ein wenig halt zu finden
„und jemands stunde ist schon nah“
bitt ich nun – dem fliehen
des tages ausgesetzt wie du
meine schwarze zikade –
um die gunst des augenblicks…

daß ich es nicht schuldig bleib´
jenes lächeln – nachts beschworen
tags verraten? – ohne das mein wort
nur ein mundvoll leere ist
ölig wie ein tischgebet
bis ins requiem der mörder
die nicht leben und
nicht sterben können…

ein tag ohne lächeln – schwärzer
als eine nacht ohne stern

Uwe Dick

Das Goldene Kalb

Meine Predigt für heute.

DAS GOLDENE KALB UND MOSES FÜRBITTE

2. Buch Mose 32, 1-14
Das goldene Kalb.

Die Geschichte ist uns allen bekannt. Der Tanz um das goldene Kalb ist sprichwörtlich geworden. Doch ich habe mich lange Zeit gefragt: Warum ist Gott so zornig? Was soll das eigentlich?
Was ist denn daran so schlimm, daß sie sich ein Abbild machen und es vor sich hertragen?
Es ist nicht Gott selbst, gut. Aber was kann das schon groß schaden?
Erst jetzt, erst bei der Vorbereitung für diese Predigt ist mir klar geworden, warum Gott so zornig ist., warum er sein Volk sogar vernichten will.
Es ist nicht so sehr das Kalb.
Es ist die Vermischung von Gott und Kalb.
Aaron sagt: „Morgen ist des Herrn Fest.“
Er will mit dem Kalb ein Fest Gottes feiern. Er glaubt ernsthaft: Gott ist im Gold. Er meint, man könnte beides gleichzeitig haben, den Glauben an den lebendigen Gott und den Glauben an das Gold. Dahinter steckt der Glaube: Was wir bis jetzt mit Gott erlebt haben, was wir von ihm gelernt haben, was wir von ihm wissen, das können wir irgendwie einbauen in unsere neue Sicht der Welt.
Gott und Gold müssen sich nicht widersprechen. Sie werden verschmolzen.
Das ist der eigentliche Grund für den Zorn Gottes. Denn sie wissen nicht was sie tun. Sie wissen nicht, was sie tun, wenn sie meinen, sie könnten Gott so einfach kaufen, wenn sie meinen, er ist im Gold.
Jesus sagt: „Du kannst nicht Gott und dem Mammon dienen.“
Er stößt die Tische der Händler im Tempel um. Er wird zum Werkzeug des Zorns Gottes.
Der Tanz um das goldene Kalb.
Und Gott wird zornig. Er wird zornig auf die Menschen, die meinen, man könnte ihn kaufen. Er wird zornig auf die, die morgens das Vater unser beten und dann den ganzen Tag nur daran denken, wie sie möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen können. Er wird zornig, weil sie den Widerspruch nicht einmal merken. Weil sie meinen: „Das ist schon alles in Ordnung so. Ich kriege das schon alles unter einen Hut! Vergebung brauchen die anderen, nicht ich!“
Gott will sein Volk vernichten.
Wie sollte er nicht, nach allem, was er für sie getan hat?
Er hat ihnen Leben und Freiheit geschenkt, doch sie können nicht damit umgehen.
Das Kalb ist fertig. Was werden sie als nächstes machen?
Sie werden Menschen aussondern, die dieses Kalb tragen müssen, quer durch die Wüste. Sie werden diesen Menschen sagen: „Es ist eine Ehre, daß du das darfst! Sei froh, daß du für unser Kalb deine Gesundheit ruinieren darfst! Sie werden das Kalb mit Schmuck behängen, daß es immer schwerer wird und die Last für die Träger immer größer. Sie werden nicht mehr nach dem richtigen Weg fragen, sie werden nur noch auf das goldene Kalb starren. Jeder wird möglichst nahe dran sein wollen, um etwas von seinem Glanz abzubekommen. Sie werden im Kreis herumziehen, immer hinter dem Goldenen Kalb her. Sie wollen gar nicht mehr in das gelobte Land.
Die Wüste wird ihr zu Hause. Die Wüste, so gelb wie das Gold.
Und sie werden beten, so wie sie es gelernt haben; aber nicht mehr zum lebendigen Gott, sondern zum toten Kalb.
Rogate, heißt der heutige Sonntag, Betet!
Aber beten und beten ist nicht dasselbe. Es kommt auf den Adressaten an. Und nur weil ich Gott sage, meine ich noch lange nicht den lebendigen Gott, den Vater Jesu Christi.
Ich erkenne mich wieder in diesem Volk bei seinem Tanz ums Goldene Kalb. Oft genug bin ich einer von ihnen in meiner Begeisterung für die Technik, in der Sorge um mein Konto, in meiner scheinbar so gläubigen Gottvergessenheit.
Gott ist zornig auf sein Volk.
Er will es vernichten.
Wie sollte er nicht?
Und Mose betet für sein Volk; für all die Menschen, die ihm so viel Kummer machen.
Dabei bekommt er doch ein großes Angebot. „Laß uns Schluß machen mit diesem Volk, laß uns einen ganz neuen Anfang machen, nur du, Mose, hast es verdient!“
Ich sehe viele Parallele zu uns heute. Der Tanz um das goldene Kalb wurde vielleicht noch nie so begeistert, so besinnungslos getanzt. Wir sind auf dem besten Wege, diese Welt zu einer Wüste zu machen, unbewohnbar für Mensch und Natur. Wir setzen alles auf die Karte Gold – und wissen eigentlich schon, so kann es nicht weitergehen. Doch wir können uns nicht ändern.
Aus dem Mittelalter ist uns ein rätselhaftes Phänomen überliefert: der Feixtanz. Menschen begannen ohne ersichtlichen Grund plötzlich zu tanzen und sie konnten einfach nicht wieder aufhören, bis sie tot umfielen. Und keiner weiß, warum das so war. Manchmal habe ich das Gefühl, in unserer Gesellschaft ist das so ähnlich. Wir tanzen um das goldene Kalb, bis nichts mehr geht.
Gott ist zornig auf sein Volk.
Er will sie vernichten.
Doch Mose betet für sie. Mose betet nicht für eine Idee vom Menschen, für einen Menschen, wie er sein sollte. Er betet auch nicht für die Gerechten. Mose betet für die Schwachen und Verführbaren, für die bösartigen und wankelmütigen. Mose betet für die, die so viel lieber an das goldene Kalb glauben als an den lebendigen Gott.
Mose bittet Gott für die Menschen, die er liebt.
Und er erinnert Gott an die wenigen Gerechten, an die wenigen Zeugen des Glaubens: Abraham, Isaak und Jakob. Um ihretwillen – laß sie leben.
Das ist das Gebet des Glaubens, die Fürbitte. Wir beten für Menschen, nicht weil sie so gut sind, sondern weil sie die Hilfe Gottes brauchen. Wir schließen uns nicht denen an, die meinen, es ist sowieso alles zu spät, mit diesen Menschen ist die Welt nicht zu retten. In der Fürbitte erinnern wir Gott an seine Liebe, an seine grundlose Liebe. Und wir wissen gleichzeitig: es betet jemand für uns.
Doch Mose betet nicht nur. Er bekämpf die falschen Götter.
Als er vom Berg kommt, wirft er das goldene Kalb ins Feuer.
Herr gib uns Kraft und Mut zu beidem:
zum Gebet für die Menschen und zum Kampf gegen das Goldene Kalb in den Köpfen und Herzen der Menschen.
Amen.

Es ist vollbracht

Es ist vollbracht
„Es ist vollbracht!“ ruft der Radio Reporter begeistert. „Das Spiel ist aus! Die Eintracht hat gewonnen!“
Früher habe ich mich immer geärgert, wenn ich das gehört habe.
Ich habe gedacht:
„Du meine Güte, weiß der eigentlich was er da redet?“
„Es ist vollbracht.“ Das sind die letzten Worte Jesu am Kreuz! Und der benutzt sie für das Ende eines schnöden Fußballspiels. Und keiner merkt´s.
Es ist vollbracht. Das ist zu einem geflügelten Wort geworden. Es begegnet mir an allen Ecken und Enden: Wenn jemand eine Prüfung bestanden hat, am letzten Tag vor dem Urlaub, immer wieder: „Es ist vollbracht.“
Früher habe ich gedacht: „So weit haben wir uns schon entfernt von unserer christlichen Tradition, dass dieses Wort so gedankenlos und sinnentleert benutzt wird!“
Inzwischen sehe ich das anders. Wo immer mir dieser Satz begegnet, höre ich den Wiederhall der Auferstehung. Die Sehnsucht nach Ostern.
Ein Sieg im Fußball ist nur ein kurzes Glück, der nächste Gegner wartet schon. Die Prüfung ist bestanden, gut. Aber jetzt kommt das Berufsleben, das wird auch kein Zuckerschlecken. Doch die Sehnsucht ist da. Ich will endlich ankommen. Will nicht mehr kämpfen, mich nicht mehr beweisen müssen; will sie spüren, die bedingungslose Liebe.
Es soll endlich vollbracht sein.
Doch das ist es längst.
Ich kann es sehen und fühlen, wenn ich achtsam bin.
Ein Freund erzählt vom Tod seiner alten Mutter. Er hat lange an ihrem Sterbebett gesessen.
Schließlich hat er sie gefragt:
„Möchtest du noch leben?“
Sie hat nickt: „O ja!“
„Hast du Angst vor dem Tod?“
Da hat sie gelächelt: „Aber nein!“
„Es ist vollbracht.“
Die letzten Worte Jesu am Kreuz singen sich in unser Leben, hinterlassen Spuren von Sehnsucht und Liebe.
Frohe Ostern!

Heimat?

„Du bist überall Fremder“ sagt er.
„Und Heimat ist da, wo du dein erstes Glas Wasser getrunken hast.“
Heimweh ist sein steter Begleiter.

Kerzen

Neue Kerzen sind hübsch.
Brennende Kerzen sind schön.
Schenken Wärme und Licht.
Werden weich und werden kleiner.
Geben sich selbst.

"Er heißt Johannes"

Meine Predigt für heute.
Euch und Ihnen allen einen gesegneten 1. Advent – es schneit 🙂

I. Der Personalchef liest den Namen auf ihrer Bewerbung und schaut sie bedauernd an:
„Sie haben es schwer, oder?“
Die junge Frau nickt traurig.
Sie heißt mit Vornamen Chantal Paris.
Ihre Eltern haben es sicher gut gemeint. Aber sie haben ihr eine schwere Bürde auferlegt. Natürlich ist das Unsinn. Natürlich kann man niemanden nach seinem Namen beurteilen.
Und wir tun es doch.

Wenn wir einem Kind einen Namen geben, dann geht es nicht nur um Wohlklang. Dann geht es um Erwartungen.
Namen erzählen Geschichten. Die Geschichten der Eltern eines Kindes: Ihre Sehnsucht nach der großen, weiten Welt; ihren Dank und ihre Freude für dieses Kind, ihre Erinnerung an einen lieben Menschen. Und mit diesen Geschichten sind immer auch Erwartungen verbunden, bewusst oder unbewusst:

„Es wäre schön, wenn du so wirst wie dein Großvater.“

„Wir wünschen dir, dass du die große, weite Welt kennenlernst, dass du Erfolg hast.“

„Wir geben dir einen normalen, unauffälligen Namen, damit du es leicht hast und gut durchs Leben kommst.“

„Wir geben dir einen außergewöhnlichen Namen, damit jeder gleich hört: Du bist etwas Besonderes.“

All das schwingt mit im Namen eines Menschen – mal bewusst, mal unbewusst. Und das Kind wird damit leben – dürfen oder müssen, je nachdem.

II. Bei Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer, ist das nicht anders. Eigentlich müsste sein Erstgeborener Zacharias heißen, so wie er – oder zumindest irgendeinen anderen Namen aus der Familie tragen, nach einem Großvater oder Onkel benannt werden. Die Tradition verlangt es. Doch Zacharias wehrt sich. Genau das will er nicht. Er besteht auf einem neuen Namen:
„Er heißt Johannes.“
Und damit formuliert er eine Erkenntnis, die Erkenntnis seines Lebens. Er und seine Frau Elisabeth hatten Ewigkeiten auf ein Kind gewartet. Sie haben die Hoffnung längst aufgegeben, als es dann doch noch geschieht: Elisabeth wird schwanger, als niemand mehr damit rechnet. Und Zacharias ist stumm. Er kann nicht mehr reden. Aus Freude? Oder ist ihm der Schrecken in die Glieder gefahren? Er kann nicht mehr sprechen, doch er weiß, was er will. Sein Sohn soll einen ganz besonderen Namen tragen:
Er heißt Johannes.
Das bedeutet auf Deutsch: „Gott ist gnädig.“ Dabei hätte auch der eigene Name gepasst, Zacharias. Der bedeutet: „Gott erinnert sich.“
O ja, Gott hat sich erinnert, an Elisabeth und Zacharias; spät, aber nicht zu spät. Er hat ihnen ein Kind geschenkt. Die Freude und die Sicherheit für ihr Alter. Doch kein Kind wird nur für seine Eltern geboren; jedes Neugeborene ist ein Geschenk Gottes an die Welt – ein Johannes oder eine Johanna: Gott ist gnädig.
Und als die Entscheidung gefallen ist, als Zacharias den Namen seine Sohnes bestimmt hat, da tut sich sein Mund auf und sein Herz strömt über vom Lobgesang.
Dieser Lobgesang des Zacharias ist unser heutiger Predigttext. Er steht im Lukasevangelium im 1. Kapitel.
III. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils
im Hause seines Dieners David
– wie er vorzeiten geredet hat
durch den Mund seiner heiligen Propheten –
dass er uns errettete von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund
und an den Eid, den er geschworen hat unserem Vater Abraham,
uns zu geben,
dass wir, erlöst von der Hand unserer Feinde,
ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein,
wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen,
dass du seinen Weg bereitest,
und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk
in der Vergebung ihrer Sünden,
durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.
Herr, segne an uns dein Wort.
Amen.

Zacharias erinnert an den Gott Abrahams und Davids; an den Gott, der sein Volk begleitet, so lange es unterwegs ist zu ihm. Sein Lobgesang erinnert an die Wurzeln:
Wo komme ich her?
Was trägt mich, mein Familie, mein Volk?
Niemand wird im geschichtsleeren Raum geboren. Niemand fängt einfach so von vorne an. Kinder fragen ihre Eltern:
„Was war eigentlich mein Urgroßvater für ein Mensch?“
„Wo hast du als Kind gelebt?“
Zacharias erinnert an den Gott, der seinem Volk gnädig gewesen ist. Immer wieder.
Doch dann dieser Satz:
„Du wirst ein Prophet des Höchsten sein.“
Bitte? Geht es nicht ein bisschen kleiner, Zacharias? Wie kannst du so etwas sagen? Einem Kind eine solche Bürde aufladen? Er muss doch sein eigenes Leben leben, oder? Er soll seinen Weg finden und nicht den, den sein Vater ihm vorgibt! Ein Prophet des Höchsten sein. In einer Reihe stehen mit Jeremia, Jesaja und Ezechiel. Wie soll das gehen? Und woher will Zacharias das wissen?
Er erinnert an so viele Mütter und Väter, die ihre Kinder mit hohen Erwartungen überfrachten:
„Fußballspieler soll er werden! Bei Deutschland sucht den Superstar soll sie gewinnen! Unser Kind ist hochbegabt!“
Wie viele Kinder zerbrechen an den Erwartungen ihrer Eltern. Die sind enttäuscht, kritisieren nur noch, wenn der Weg des Kindes ein anderer ist.
Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Geht es nicht ein bisschen kleiner, lieber Zacharias? Reicht es nicht aus, dass das Kind wächst und gedeiht, zur Freude seiner Eltern?
Doch schauen wir genauer hin.
Wir haben es hier nicht mit den Träumen eines überengagierten Vaters zu tun. Zacharias hat keinen Masterplan für seinen Sohn in der Tasche.
Zacharias lobt Gott. Den Gott Israels; den, der sein Volk begleitet, von Anfang an – der Großes getan hat in der Geschichte. Er lobt den Gott, der sein Volk rettet und befreit, der es begleitet auf allen seinen Wegen. Dieser Gott begegnet Zacharias in diesem Säugling. Nur in diesem? O nein, dieser Gott begegnet allen Eltern. In jedem kleinen Kind. Zacharias sieht das nur deutlicher, weil er so lange hat warten müssen, weil seine Sehnsucht so groß war und weil sein Glaube gewachsen ist in der Zeit des Wartens.
Zacharias gelingt, was uns oft so schwer fällt. Er denkt das Große und das Kleine zusammen. Er besingt den Gott, der die Geschichte seiner Menschheit schreibt in dem Kind in seinem Arm. Der kleine Mensch und die Menschheit sind eins.
Im Leben eines Kindes wird die Liebe Gottes sichtbar. Eltern spüren das, wenn sie ihr Neugeborenes im Arm halten. Doch leider vergessen sie es in der Sorge des Alltags meist ganz schnell wieder.
„Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten sein.“
IV. Was ist ein Prophet?
Ein Prophet ist ein Bote der Wahrheit Gottes. Er spricht, er handelt so, dass diese Wahrheit darin aufleuchtet, sichtbar wird. So ein Prophet begegnet dem Vater Zacharias in seinem Sohn. Als er sein Kind im Arm hält, da spürt und sieht er:
Das Leben ist verletzlich und kostbar. Es ist getragen von der Liebe Gottes und weist über sich selbst hinaus.
Johannes. „Gott ist gnädig.“
Zacharias singt, was er sieht. Er singt, was jeder sehen kann, wenn er in einen Kindewagen schaut.
Du sollst nicht nur ein Prophet des Höchsten sein, du bist es schon.
Der erste Schrei kündet von der Liebe, die stärker ist als jede menschliche Kraft: Gott ist gnädig. Er schenkt Leben.
Zacharias muss seinen Sohn nicht erst zum Propheten ausbilden. Johannes ist von Beginn an das, was er sein soll.
Dieses Kind, jedes Kind, ist ein Prophet des Höchsten – wenn wir es denn nur lassen.
V. Was könnte das heißen für die Erziehung heute, für eine christliche Erziehung, eine Erziehung im Glauben?
Der Evangelist Lukas berichtet mit keinem Wort, wie Zacharias seinen Sohn erzieht. Es gibt in der Bibel keinen Leitfaden für die Ausbildung zum erfolgreichen Propheten. Und auch in der Geschichte Jesu wird nur die Geburt berichtet. Seine Ausbildung wird mit keinem Wort erwähnt. Das könnte heißen:
Unsere Kinder werden das, was wir in ihnen sehen:
Dieses Kind ist ein Geschenk Gottes – Gott ist gnädig – ein Geschenk, das über sich selbst hinaus weist – oder es ist ein Lebewesen, dass ich erst noch zu dem formen muss, was es werden soll.
Natürlich wird auch dieses Kind noch viel lernen müssen. Natürlich wird es erzogen. Doch das ist zweitrangig.
Viel wichtiger ist dies: Du bist nicht allein, Johannes. Und du bist nicht nur für sich selber da. Du trägst die Geschichte Gottes mit den Menschen in dir. Und du trägst sie weiter.
Zacharias kann seinem Sohn das Leben nicht ersparen. Johannes Weg wird ein harter, steiniger werden. Doch er hat einen Sinn. Und er wird dem vorangehen, von dem wir am Ende der Adventszeit hören werden:
„Euch ist heute ein Kindlein geboren“
Gott ist gnädig.
Amen.

Abraham oder die Versuchung des Alters

„Abraham aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“
Ein alter Mann, fürwahr! Was hat den eigentlich getrieben?
In der Bibel heißt es ganz schlicht: „Und der Herr sprach zu ihm.“
Den Herrn kannst du durch „das Leben“ ersetzen, oder „die Sehnsucht“ oder auch die drohende Langeweile. Jedenfalls verfolgt er ein ganz anderes Lebensmodell als wir: Mit 75 will doch nun wirklich keiner mehr arbeiten. Und schon gar nicht die Stadt verlassen und als Nomade durch die Gegend ziehen. Rechtlos und nur mit dem, was er und seine Sippe tragen kann. Altersvorsorge hat er ja betrieben, er ist ein vermögender Mann. Und wenn er schon keinen Sohn hat, so doch Lot, seinen unsteten Neffen. Den zieht er mit.
Er gibt seine Träume nicht auf; nicht den vom Sohn und auch nicht von den von einer Zukunft. Und er ist sich sicher, dass das Leben auf seiner Seite steht, immer noch. Warum eigentlich? Er ist alt. Hat es hinter sich. Nicht nur für uns, auch für seine Verwandtschaft, für „seines Vaters Haus.“ Die Erben lecken sich schon die Lippen. Wo kein Sohn ist wird verteilt.
Er hört eine Stimme.
Die sagt: „Das war es noch nicht, mein Lieber!“
Es ist so schön, sich einzurichten. Es ist so bequem zu sagen: „Das muss ich mir nicht mehr antun.“ Es ist ja vorgesorgt.
Abraham sagt das nicht.
Er widersteht der Versuchung des Alters.