Autor: Friedhelm Meiners

Von Falken und Tauben

Andacht für NDR 1 Radio Niedersachsen
Mittwoch, 11. November 2015 – Von Falken und Tauben
Wir sitzen in einer Geburtstagsrunde bei einer alten Dame. Neben mir die Enkeltochter, eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern. „Mein Sohn ist so ganz anders als seine Schwester,“ klagt sie. „Er ist so wild. Im Urlaub waren wir in Freiburg. Da gibt es diese wunderschönen Bächle, so kleine Wasserläufe mitten in der Stadt. Und was macht mein Kleiner? Der steigt da einfach rein! Ruck zuck stand er bis zu den Knien im Wasser. Wir konnten gleich wieder nach Hause, ihn umziehen. Ich war sowas von sauer!“

„Dein Vater war genauso!“ sagt die Großmutter lachend. „Ich weiß,“ sagt die junge Mutter, „aber heutzutage geht das doch nicht mehr! Er kommt nächstes Jahr in die Schule. Was soll da aus ihm werden, wenn er nicht stillsitzen kann? Bis dahin werden wir noch eine Menge Arbeit mit ihm haben!

„Darf ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen?“ habe ich sie gefragt. „Sicher! Ich liebe Geschichten!“ war ihre Antwort. Also dann:

Ein König brachte nach der Jagd seinen Falken mit in den Pferdestall. Er bat seinen Stallknecht, einen Moment auf ihn aufzupassen. Der etwas einfältige Knecht schaute sich das Tier an, schüttelte den Kopf und sagte: „Du armes Tier! Was haben sie denn mit dir gemacht?“ Er holte eine Schere, beschnitt dem Falken den Schnabel und die Krallen und stutze ihm schließlich noch die Flügel. „So!“ sagte er dann, „Jetzt bist du eine richtige Taube!“

Die ganze Runde lacht. Nur die junge Mutter schaut nachdenklich. „Sie meinen also, ich will aus meinem Falken eine Taube machen?“ „Vielleicht …“ antworte ich. „Aber wir wissen beide, dass das nicht geht. Ein Falke wird niemals zur Taube. Aber wenn du ihn zurechtstutzt, ist er auch kein wirklicher Falke mehr.“

„Herr Pastor,“ sagt da die Großmutter, „in der Bibel heißt es doch, wir sollen uns kein Bild von Gott machen, nicht wahr?“
„Stimmt.“ antworte ich, „Denn das verdeckt den Blick, wie Gott uns begegnen will. Aber wie kommen Sie jetzt da drauf?“
„Ich finde, das sollte auch für unsere Kinder gelten“ sagt die alte Dame. „Wir sollten uns von ihnen kein Bild machen. Dann können wir viel leichter entdecken, wer sie wirklich sind und wer sie werden wollen.

Nur ein Talent

Andacht für NDR 1 Radio Niedersachsen

Er ist der Älteste von drei Geschwistern. Als er 13 Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Später wird er erzählen: „Bei der Beerdigung, auf dem Friedhof, spürte ich das erste Mal, dass ich die Hand meiner Mutter hielt und nicht mehr sie die meine.“

Von nun an ist das Geld in der Familie knapp. Neue Klamotten gibt es nur selten. Stattdessen geht es regelmäßig zur Kleiderkammer der Caritas. Dort entwickelt der Junge einen Kniff: Er sucht sich immer noch ein paar Accessoires aus: Ketten, Ringe, Schals, Westen oder Brillen. Und die kombiniert er dann mit den Second-Hand-Klamotten aus der Kleiderkammer. Seinen Mitschülern erzählt er: „Das ist der neueste Schick!“ – Ja klar.

Er liebt Musik, lernt Klavier und Querflöte. Doch es ist ihm sehr schnell klar: zum Musiker wird es nicht reichen. In der Schule läuft es eher quälend. Er hört am liebsten den ganzen Nachmittag Radio, schafft mit Müh und Not das Abitur.

Seine Mutter drängt auf ein Studium. Aus dem Jungen soll was Anständiges werden. Er sagt von sich selbst: „Ich habe eigentlich nur ein Talent. Ich kann Menschen unterhalten.“ Und das kann er gut. Schon in der Schule. Das ist ja alles schön und gut“ sagt seine Mutter. „Aber wie willst du davon leben?“.

Jesus erzählt dazu ein Gleichnis. Das handelt von drei Männer. Zwei von ihnen haben viele verschiendene Talente, der dritte nur ein einziges. Der Mann ist verunsichert, traut sich nichts zu und versteckt sein Talent. Es ist ihm viel zu klein. Das reicht doch niemals zum Leben! Jesus kritisiert das. Denn aus wenig kann ganz viel werden. Wie bei diesem jungen Mann mit dem einen Talent und den schrägen Klamotten. Heute ist er einer der bekanntesten Männer dieses Landes: Thomas Gottschalk.

Nein, es geht nicht um die Menge der Begabungen, die du mitbekommst. Denn selbst wenn du nur ein einziges Talent hast: Es ist ein Geschenk Gottes. Er glaubt an dich, nimmt dich bei der Hand auch wenn du es selbst nicht fassen kannst.

Den anderen ändern?

Andacht für den NDR, Radio Niedersachsen

Der leere Parkplatz
Wir kennen uns schon ewig. Ich mag ihn wirklich gern. Aber ab und zu bringt er mich zur Weißglut. Jahrelang habe ich mich darüber geärgert:
Er kommt immer auf den letzten Drücker! Das bringt mich so auf die Palme! Das war schon in der Schule so! Kurz vor der Lehrerin noch eben in die Klasse gehuscht.
Ich habe immer gedacht: Das muss doch nicht sein! Der kann doch mal eine Viertelstunde früher aufstehen!
Der müsste mal so richtig …
Ja, ich hab ihm schon das ein oder andere Mal einen richtig schönen Denkzettel gewünscht, damit er sich endlich mal ändert. Doch dann habe ich diese kleine Geschichte gefunden:

Ein junger Mann ist zur Ausbildung bei einem großen Autokonzern. Sein Abteilungsleiter nimmt sich seiner an und nimmt die Aufgabe sehr ernst. Da der junge Mann noch keinen Führerschein hat, holt er ihn jeden Morgen von zu Hause ab und nimmt ihn mit ins Werk. Der Chef ist immer sehr früh dran. Wenn sie im Werk ankommen, ist der Parkplatz noch leer. Doch er fährt immer bis ganz nach hinten durch und sie müssen einen weiten Weg bis zu ihrem Arbeitsplatz laufen.

Am dritten Tag kann der junge Mann sich die Frage nicht mehr verkneifen: „Warum fahren Sie eigentlich immer bis ganz nach hinten? Der ganze Parkplatz ist doch noch frei!“ Er antwortet: „Die früh kommen, können gut noch ein Stück laufen. Darum sollten sie hinten parken. Aber die, die morgens spät dran sind, brauchen die Plätze weiter vorn, damit sie es noch rechtzeitig zur Arbeit schaffen.“

Was für ein weiser Mann! Er liebt es, morgens rechtzeitig anzukommen, ganz gemütlich zum Arbeitsplatz zu schlendern und in aller Ruhe zu beginnen. Aber er versucht nicht, die anderen zu erziehen. Er lässt sie so sein, wie sie sind.
Wie viel sinnlose Zeit und Energie geht mit dem Versuch drauf, die anderen von meiner und nur von meiner Art zu leben zu überzeugen.
Ja, jetzt sehe ich meinen alten Schulfreund mit anderen Augen. Als ich einer Freundin davon erzähle, sagt die schmunzelnd:

Versuche nie, jemanden dir gleich zu machen. Denn Gott weiß – und du weißt es im Grunde auch: einer von deiner Sorte ist mehr als genug.

Glaubensbekenntnis Martin Luthers

Ich glaube an Gott,
dass er mein Schöpfer sei,
und an Jesus Christus,
dass er mein Herr sei,
und an den Heiligen Geist,
dass er mein Heiligmacher sei.

Gott hat mich geschaffen und mir Leben,
Seele, Leib und Güter gegeben,
Christus hat mich gebracht in seine
Herrschaft durch seinen Leib,
und der Heilige Geist heiligt mich
durch sein Wort und die Sakramente,
die in der Kirche sind,
und wird uns völlig am jüngsten Tag heiligen.

Das aber ist der christliche Glaube:
Wissen, was du tun sollst
und was dir geschenkt ist.

Glaubensbekenntnis Martin Luthers, gefunden bei Susanne Niemeyer und Matthias Lemme „Brot und Liebe Wie man Gott nach Hause holt“

Liebe deine Feinde

Meditation für die Evangelische Zeitung

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt, sondern: Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin. Wenn dich jemand verklagen will und dir den Rock nehmen will, gib ihm auch den Mantel. Wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh zwei mit ihm. Gib dem, der dich bittet und wende dich nicht von dem ab, der etwas von dir borgen will.
Ich habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.
Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Geschwistern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Ungläubigen?
Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
(Matthäus Evangelium, Kapitel 5, Vers 38-48)

„Liebe deine Feinde.“
Das ist die Vollendung der christlichen Ethik. Wenn ich das könnte, wäre ich ein wahrer Heiliger, wie Franz von Assisi, wie Martin Luther King, wie Mahatma Gandhi. Doch warum soll ich das tun? Und wie soll das gehen?
Soll ich meine Feinde lieben, damit sie bessere Menschen werden? Soll ich ihnen ein Beispiel in guter, christlicher Lebensführung geben und darauf hoffen, dass sie mir folgen? Das wäre nicht mehr als ein frommer Wunsch. Jesus selbst muss erfahren, dass seine Folterer ihn keinen Deut besser behandeln, weil er keinen Widerstand leistet, ganz im Gegenteil. Ignatius weist darauf hin, dass die Soldaten immer schlimmer werden, wenn man sie gewähren lässt. Wer von der Macht der Gewalt fasziniert ist, wird sich nicht von Gewaltlosigkeit überzeugen lassen. Wer mir den Mantel nimmt, wird sich freuen, wenn ich ihm auch die Jacke gebe. Wer mich beschämt, wird mich um so mehr verachten, wenn ich ihm keinen Widerstand leisten. Pädagogisch kann das Gebot der Feindesliebe nicht gemeint sein.
Die zweite Frage lautet: Wie kann ich in einer Welt voller Gewalt die Feindesliebe leben und überleben?
Eine Möglichkeit besteht darin, sich aus der Welt zurückzuziehen. Das Gebot der Feindesliebe gilt dann nur in eigenen, christlichen Gemeinschaft. Für die ersten Christen war das möglich. Sie waren eine kleine, verfolgte Minderheit. In den ersten Jahrhunderten ist es ihnen strikt verboten, in den Militärdienst einzutreten. Doch nach der konstantinischen Wende, als der christliche Glaube zur Staatsreligion wird, ändert sich alles. Jetzt findet man das absolute Gewaltverbot nur noch bei den sogenannten Häretikern. Aus ihrer Haltung spricht oft das Erschrecken über eine Kirche, die mit Gewalttätern paktiert: die Waldenser im Gegenüber zum Papsttum des Mittelalters, die Täufer zur Reformation, Tolstoi zur russisch orthodoxen Kirche, Martin Luther King zum christlichen Abendland. Immer wieder stehen Menschen auf und sagen nein zur Gewalt, die den Glauben verrät, die die Menschheit teilt in gut und böse. Und immer wieder müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen: „Ihr wollt euch nur die Hände nicht schmutzig machen, zieht euch zurück aus der Welt und lasst den Staat das tun, was nötig ist.“
Doch ihr Verzicht auf Gewalt dient immer dazu, den anderen zu schützen, ihm einen Ort der Geborgenheit und der Sicherheit zu geben, das Leben lebenswert zu machen. Ihr Verzicht auf Gewalt richtet sich gegen einen Staat und eine Kirche, die der Verführung der Gewalt nicht widerstehen und sie gegen die Menschen richten.
Doch es gibt auch die andere Seite. Dietrich Bonhoeffer, der Seelsorger der Hitler Attentäter vom 20. Juni 1944, sieht in dieser Situation keinen anderen Weg als den der Gewalt. Er sagt: „Du kannst nicht zusehen, wie ein Irrer mit dem Auto den Kudamm herunter rast, du musst ihm ins Lenkrad greifen.“
Heute würden wir sagen: Du kannst nicht zusehen, wenn jemand mit einem Kanister Benzin in Richtung Asylbewerberheim läuft.
Der Grad ist schmal. Doch das Ziel kann nicht sein, ein Heiliger zu werden, geliebt und geehrt. Die vollkommene Liebe hat nicht sich selbst im Blick. Und wer wollte leugnen, dass die Gewalt der Liebe immer im Wege steht. Sie ist immer auch ein Verrat an der vollkommenen Liebe des Gottes, den ich nicht verstehe, denn er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini in Braunschweig

Zeit für mich

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.

Ein Bild aus der Bibel hat mich schon immer fasziniert: „Und Jesus ging allein auf einen Berg“ heißt es dort.
Ganz allein sein, nur für sich. Auf einem Gipfel sitzen mit einer phantastischen Aussicht. Eine wunderbare Vorstellung.
Aber länger allein dort oben bleiben? Ohne die anderen, ohne ein Buch – ohne Smartphone? Könnte ich das wirklich aushalten?
Eine Freundin ist den Jakobsweg gepilgert. Sie ist begeistert. Nur eines hat sie genervt: jeder zweite hat gefragt: „Was ist dein Schnitt? Wie viele Kilometer schaffst du am Tag?“
Wir wollen etwas zu tun haben! Immer! Es muss vorangehen! Da kannst du nicht einfach so auf einen Berg gehen! Das muss einen Sinn haben! Du tust was für deine Fitness oder stellst einen persönlichen Rekord auf: in einer Stunde bis zum Gipfel!
Einfach mal so auf einem Berg sitzen, allein? Undenkbar! Doch wir spüren, dass uns genau das fehlt. Aber wer hat schon Zeit, einfach mal auf einen Berg zu steigen, sich für längere Zeit zurückzuziehen?
Bei dem Schriftsteller Jorge Bucay habe ich eine einfache Übung für den Alltag gefunden:
Setz dich einmal in der Woche für eine Stunde in deinen Lieblingssessel oder in ein Café und tue gar nichts! Zuerst wirst du unruhig, dann wütend: wann ist die Stunde endlich vorbei?! Doch am Ende wirst du von einer tiefen Ruhe erfasst, von der Kraft, die dein Leben trägt.
Ich habe das im Urlaub ausprobiert: eine Stunde am Strand, ohne irgendwas zu tun. Es war super! Zu Hause schaffe ich inzwischen zwanzig Minuten – immerhin…
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Entschleunigung

Wir wollen einen Termin vereinbaren. Er soll seine Freundin fragen, ob es morgen passt.
Er zieht sein Smartphone aus der Tasche, schickt ihr eine SMS.
„Ping!“
Eine Minute später meldet sie sich zurück.
„Nein! Morgen kann sie nicht.“
„Übermorgen?“
„Muss ich fragen.“
Er schreibt die nächste SMS.
Ich werde leicht nervös: „Früher konnte man mit den Dingern auch telefonieren.“

Die Digital Natives schreiben nur noch.
Eigentlich gar nicht so dumm.
Nachrichten schreiben ist irgendwie vorsichtiger, zarter.
Die andere hat einen Moment Zeit zu überlegen, kann antworten oder nicht.
Eine Form der Entschleunigung.

Kinder und Ausländer

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung:

„Gibt es bei euch im Kindergarten auch Ausländer?“ fragt Tante Angela die kleine Emma.
„Nein. Nur Kinder.“ antwortet sie.
Ihre Tante erinnert sich daran, warum sie so froh ist, in Deutschland zu leben: weil es bei uns genau so sein soll: alle Menschen sind gleich! Es ist egal, wo sie herkommen, welcher Religion sie angehören oder welche Sprache sie sprechen. Wir Christinnen und Christen sagen: Wir sind alle Kinder Gottes.
Doch täuschen wir uns nicht, der Kindergarten ist kein Idyll.
„Hier gibt es nur Kinder, keine Ausländer“ heißt nicht, hier gibt es keinen Streit und keine Auseinandersetzungen, ganz im Gegenteil. In der Sandkiste geht es heiß her. Die Kinder sind eben noch ins Spiel vertieft – und streiten sich im nächsten Augenblick wie die Kesselflicker. Aber sie vertragen sich auch ganz schnell wieder
Doch „Ausländer“ ist da keine Kategorie. Heute spielt Emma mit Arzu, morgen spielt sie mit Sophie. Kinder verstehen sich. Sie lernen Sprachen ganz schnell. Auch die ohne Worte.
Wenn jemand aneckt und nervt, bekommt er vielleicht Ärger. Aber kein Kind fliegt aus dem Kindergarten, weil es einem anderen Kind nicht passt. Und kein Kind darf machen was es will, egal ob es blonde Haare hat und hochdeutsch spricht oder schwarzhaarig ist und gerade erst Deutsch lernt.
Ausländer? Was soll das sein?
Einer, der in einem anderen Land lebt. Das ist spannend, aber hier spielt das keine Rolle.
Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wenn es anderen schlecht geht oder sie ungerecht behandelt werden. Sie versuchen sofort zu helfen.
Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen. Ihnen gehört das Reich Gottes.“

Pharisäer und Zöllner

Predigt am 16. August in St. Martini

Pharisäer und Zöllner
11. Sonntag nach Trinitatis
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner.“
Das Phänomen kennen wir alle. Als Täter und Opfer. Ich bin gern anders als die anderen – und ich leide darunter, wenn ich ausgeschlossen werde, weil ich nicht so bin wie sie: zu alt oder zu jung, zu reich oder zu arm, zu links oder zu rechts – nicht richtig eben…
Aber die Rolle wechselt: mal bin ich Pharisäer, mal Zöllner. Mal froh, auf der richtigen Seite zu stehen, mal traurig, weil ich nicht dazu gehöre.
Das Phänomen hat sich nicht geändert. Und doch frage ich mich, ob Jesus dieses Gleichnis heute noch genau so erzählen würde.
Wo finde ich ihn noch, den selbstzufriedenen Pharisäer, den, der weiß, dass alles gut ist, der immer auf der richtigen Seite steht?
*
Ich kenne diesen Typen nur aus dem Fernsehen, von Pegida Demonstrationen oder vor Flüchtlingsheimen:
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Ausländer.“
Diese Menschen, die dann anonyme Leserbriefe gegen die Dompredigerin schreiben – Briefe, die so übel sind, dass sie nicht veröffentlicht werden können.
Stehe ich jetzt selbst auf der anderen Seite?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese Brandstifter und Heckenschützen?“
Nein, ich glaube nicht. Ich bin Cornelia Götz dankbar für ihr mutiges Interview. Es ist nötig, dass wir als Christinnen und Christen klar Stellung beziehen für die Ärmsten der Armen, für die, die unsere Hilfe brauchen.
Und doch höre ich Jesu Warnung vor Selbstgerechtigkeit sehr deutlich: Sei dir deiner selbst, sei dir deines Lebensstils nie zu gewiss. Mach dich selbst nicht groß dadurch, dass du andere klein machst.
Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Ich finde diesen feisten, selbstgewissen Typen nur noch selten – auch nur selten in mir selbst.
Ich bin mir meiner nicht mehr gewiss. Ganz im Gegenteil, ich würde mir das manchmal wünschen, endlich mal sagen zu können: Ich bin froh, dass ich so bin wie ich bin.
*
Woran das liegt?
Ganz einfach:
Du darfst nicht mehr stillstehen.
Du darfst nicht einfach so zufrieden sein mit dem, was ist. Du musst dich verbessern, ständig und stetig. In der Technik gilt: das Bessere ist der Tod des Guten. Das Iphone 6 ist besser als das fünfer.
Der bessere Mitarbeiter ist eine Gefahr für den guten: er ist jünger und schneller.
Die heutigen sechzigjährigen, sagt man, sind so fit wie früher die Menschen mit vierzig. Schön und gut. Also versuch, so fit zu sein wie mit dreißig…
Wir sind immer unterwegs, immer dabei, uns zu optimieren, wir stellen uns nicht einfach hin und sage: „Danke, dass ich so bin wie ich bin.“
Stillstand ist Rückschritt, also: Weiter! Weiter! Weiter!
Der Pharisäer ist so selbstzufrieden, weil er alles richtig macht.
Mal ehrlich: Wer wollte das heute von sich noch behaupten?
Nein, wir sind aus einem anderen Grund selbstzufrieden:
Wir sind auf dem richtigen Weg wir verbessern uns ständig. Wir laufen mit Schwung und selbstgewiss in den seelischen Tod.
*
Ein Arzt hat mir von einer neuen Krankheit erzählt, die in letzter Zeit stark um sich greift. Er hat jetzt die ersten Patienten bei sich in der Klinik.
Diese Krankheit heißt Orthorexie:
Milch ist tabu, Zucker sowieso, Weizenprodukte werden verschmäht, selbst Obst und Gemüse aus dem konventionellen Anbau kommen nicht mehr auf dem Tisch. Gegessen werden nur noch wenige ausgewählte Lebensmittel, im Extremfall vielleicht nur im eigenen Garten Angebautes. Manche Menschen beschäftigen sich so intensiv mit gesunder Ernährung, dass sie davon krank werden.
Diese Menschen haben oft auch das Gefühl der Überlegenheit und einen starken Missionierungseifer. Sie wollen andere von ihrer Art, sich zu ernähren überzeugen.
*
Schrecklich, oder?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Mann mit seiner Orthorexie!“
Dann doch lieber herzhaft in die fette Bratwurst beißen:
„Herr, sei mir dickem Sünder gnädig.“
Sie sehen, die Grenzen sind fließend und ich habe immer beides in mir:
den Selbstgerechten – und den Selbstgerechten.
Entweder freue ich mich, dass ich vegan lebe, dass ich so sportlich bin – oder ich äußere mich abfällig gegenüber denen, die wenigstens versuchen, halbwegs gesund zu leben.
Doch krank werden können beide: die einen sind übervorsichtig, die anderen übergewichtig.
Im Grunde sind beide wie dieser Pharisäer.
Was macht der Zöllner anders?
*
„Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“
Er verzichtet auf etwas, das uns Pharisäern so unendlich wichtig ist.
Er verzichtet auf den Stolz.
Die englische Schriftstellerin Zadie Smith sagt: „Stolz ist doch etwas merkwürdiges. Sollte ich stolz auf meinen weißen Vater sein – oder auf meine schwarze Mutter? Ich habe nichts dafür getan, oder? Ich bin froh, dass ich diesen tollen, warmherzigen Vater habe und diese Mutter, die mir so viel liebe gegeben hat. Ich freue mich, ja. Aber Stolz?
Ich bin dankbar, dass ich in Großbritannien lebe, aber stolz darauf, Engländerin zu sein? Ach, ich weiß nicht…“
*
Dass wünsche ich uns selbstgerechten Pharisäern – die sind wir als Christinnen und Christen ohne Zweifel immer wieder: Ich wünsche uns, dass wir unseren Stolz überwinden und einfach nur dankbar sind für das große Geschenk des Glaubens.
Dass ich wünsche ich uns grüblerischen, an uns selbst zweifelnden Zöllnern – denn auch das ist uns ja nicht fremd: dass wir froh sind über die Liebe, die uns begleitet auf unseren gerade und unsren krummen Wegen.
Amen.

Liebe und Talent

David Foster Wallace sagt über das Schreiben – über das Leben:

„Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mir Gags ausdenke oder irgendwelche formalen Kapriolen schlage, bis mir klar wird, dass dieser ganze Kram eigentlich gar nicht der Geschichte dient; vielmehr dient er dem sehr viel düstereren Zweck, dem Leser zu vermitteln:
Hey! Schau mich an! Schau dir an, was ich für ein guter Schriftsteller bin! Lieb mich gefälligst!“
„Ich bin inzwischen überzeugt, dass gute Texte gewissermaßen zeitlos lebendig und heilig sind. Das hat eigentlich gar nicht so viel mit Talent zu tun, nicht mal mit einem richtig schillernden. Talent ist nur ein Werkzeug. Wie wenn man einen Stift hat der schreibt, statt einem, der nicht schreibt…
Mir scheint doch, der große Unterschied zwischen großer Kunst und mittelprächtiger Kunst liegt irgendwo im Herzensanliegen dieser Kunst…
Das hat etwas mit Liebe zu tun. Damit, die Disziplin aufzubringen, den Teil von sich sprechen zu lassen, der lieben kann, und nicht nur den, der einfach geliebt werden will…
Anscheinend läuft es bei den wirklich großen Schriftstellern so, dass sie dem Leser oder der Leserin etwas „schenken.“ Die Leserin verlässt ein echtes Kunstwerk schwerer, als sie es betreten hat. Voller. Die ganze Aufmerksamkeit und der Einsatz und die Arbeit, die man seinen Lesern abverlangen muss, darf nicht einem selbst zugutekommen – es muss ihnen zugutekommen.
Unser heutiges kulturelles Umfeld ist deswegen so tödlich, weil man solche Angst davor haben muss, das durchzuziehen.

Gefunden bei und zitiert nach
Zadie Smith, Sinneswechsel.