Abraham aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.
Ein alter Mann, fürwahr! Was hat den eigentlich getrieben?
In der Bibel heißt es ganz schlicht: Und der Herr sprach zu ihm.
Den Herrn kannst du durch das Leben ersetzen, oder die Sehnsucht oder auch die drohende Langeweile. Jedenfalls verfolgt er ein ganz anderes Lebensmodell als wir: Mit 75 will doch nun wirklich keiner mehr arbeiten. Und schon gar nicht die Stadt verlassen und als Nomade durch die Gegend ziehen. Rechtlos und nur mit dem, was er und seine Sippe tragen kann. Altersvorsorge hat er ja betrieben, er ist ein vermögender Mann. Und wenn er schon keinen Sohn hat, so doch Lot, seinen unsteten Neffen. Den zieht er mit.
Er gibt seine Träume nicht auf; nicht den vom Sohn und auch nicht von den von einer Zukunft. Und er ist sich sicher, dass das Leben auf seiner Seite steht, immer noch. Warum eigentlich? Er ist alt. Hat es hinter sich. Nicht nur für uns, auch für seine Verwandtschaft, für seines Vaters Haus. Die Erben lecken sich schon die Lippen. Wo kein Sohn ist wird verteilt.
Er hört eine Stimme.
Die sagt: Das war es noch nicht, mein Lieber!
Es ist so schön, sich einzurichten. Es ist so bequem zu sagen: Das muss ich mir nicht mehr antun. Es ist ja vorgesorgt.
Abraham sagt das nicht.
Er widersteht der Versuchung des Alters.
Schlagwort: Glaube
Vom Fußball und vom Glauben
Das Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.
Vom Fußball und vom Glauben
Fußball und Glauben haben viel gemeinsam, das zum Beispiel:
Eben bist du noch so sicher, es wird klappen. Und auf einmal geht gar nichts mehr.
Fußballer versuchen das Unmögliche. Mit der Hand kannst du den Ball perfekt spielen. Handball und Basketball leben davon, jeder Fehler wird bestraft. Beim Fußball ist das anders. Fußball ist eine Aneinanderreihung von Fehlern. Eigentlich klappt selten etwas. Drei Tore in einem Spiel sind schon viel. Selbst die allerbesten können es nicht in Vollendung. Auch einem Messi unterlaufen Fehler, er verschießt den entscheidenden Elfmeter. Der Mensch ist eben nicht perfekt. Aber er versucht es, immer wieder. Und er versucht genau das, was er eigentlich nicht kann. Im Fußball wie im Glauben. Die Regeln sind sehr einfach. Aber es fällt so schwer, sie richtig auszulegen und vor allem: sich dran zu halten. War der wirklich im Abseits? War das jetzt ein Foul oder ein ganz normaler Zweikampf? Muss der vom Platz oder reicht eine Verwarnung?
Fußballer versuchen das Unmögliche: den Ball mit dem Fuß spielen.
Glaubende versuchen das Unmögliche: das Leben deuten, ihm einen Sinn geben; sich nicht nur auf das verlassen, was sie sehen und mit dem Verstand begreifen.
Du riskierst viel, machst dich auch schnell mal lächerlich. Perfekt ist es selten; aber wenn, dann sind das die großen, unvergesslichen Momente des Lebens.
Jeder kann mitspielen, jeder kann mitreden, natürlich. Aber wer es selbst mal versucht hat, lernt Demut. Es ist so schwer. Eigentlich unmöglich.
Und irgendwann ist das Spiel vorbei. Aber es war ja nicht das letzte. Wir werden es wieder versuchen. Freuen wir uns drauf.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini
Vom Trost und vom Glauben
Jesus sagt: Der Heilige Geist ist der Tröster.
Bei einer Andacht im Betreuten Wohnen habe ich gefragt:
Was tröstet Sie?
Ein gutes Essen, das tröstet mich sagte ein älterer Herr. an einem festlich gedeckten Tisch mit guten Freunden.
Musik. Vor allem Gustav Mahler sagte eine Dame.
Kinder, wenn ich Kinder sehe, dann bin ich getröstet
Und die Natur. Besonders jetzt, im Frühling.
Zwei Stunden später rief mich einer der Teilnehmer an:
Herr Pastor, es ist doch schade, dass niemand über den Glauben als Trost geredet hat.
Stimmt – aber du auch nicht dachte ich.
Über unseren Glauben reden wir nicht. Oder wenn, dann indirekt: Essen und Abendmahl, Musik und Lob.
Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…
Seht die Lilien auf dem Felde…
In Stein gemeißelt
Du
schreibst mit dem Finger
in den Staub.
Und als sie´s zertreten
da ist es vollbracht.
Vollmacht und Zweifel
meine Predigt für morgen:
Vollmacht und Zweifel
Quasimodogeniti
St. Martini, den 15. April 2012
Jesus kommt zu den Seinen.
Als die Türen verschlossen sind.
Als Furcht herrscht vor der Bosheit der Welt.
Als keiner von ihnen weiß, wie es weitergehen soll.
Jesus kommt zu seinen Jüngern, als keiner damit rechnet und keiner von ihnen etwas dafür tut. Denn: keiner von ihnen wäre auch nur auf die Idee gekommen, die Tür zu öffnen. Die Angst war viel zu groß.
Also: Dies ist kein Appell, endlich die Türen aufzureißen, endlich Luft rein zu lassen in unser Leben, endlich aktiv zu werden.
Wir machen das ja zu gern mit Menschen, die in einer Krise sind, die nicht weiter wissen: Wir versuchen sie wach zu rütteln, wir sagen ihnen: Mach die Tür auf, stell dich der Welt! Überwinde deine Angst!
Beim Auferstandenen ist das nicht so.
Er erscheint in verschlossenen Räumen; mitten in der Angst, die lähmt und das Leben verdunkelt.
Friede sei mit euch! Das sind seine Worte, als er mitten unter sie tritt. Christus schenkt seinen Frieden. Mitten in Angst und Verzweiflung. Und seine Jünger erkennen ihn an den Wundmahlen; an den Zeichen von Schmerz, Leiden und Tod.
Da werden sie froh.
Christ sein, das heißt seit dem: Hinschauen auf die Wunden und Leiden diese Welt; hinschauen und wissen: hier finde ich Gott. Er ist bei den Verkrümmten, bei den Leidenden, bei denen, die nicht mehr weiter wissen.
Er ist auch bei mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
Ich erkenne ihn an den Wunden dieser Welt; auch an meinen eigenen.
Er schenkt mir seinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft.
Christus bläst seine Jünger an. Er haucht ihnen Leben ein; so wie Gott Adam, dem ersten Menschen, das Leben eingehaucht hat. Liebe Gemeinde, ob wir es wissen oder nicht: Der Auferstandene ist bei uns; in jedem Atemzug, in Windhauch, den wir auf unserer Haut spüren; seine Kraft kann all unsere Grenzen sprengen, so wie die Luft zum Atmen.
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!
Er sendet sie mitten ins Leben. Und das wird kein Spaziergang. Denn in diesem Leben werden sie aus seiner Stärke und aus seiner Liebe leben; sie werden aber auch Wunden davon tragen, so wie er.
Und er schenkt den Seinen die Vollmacht, Sünden zu erlassen und zu behalten.
Sünden vergeben; uns scheint das gar nicht so wichtig; vielleicht, weil wir eine etwas naive Vorstellung von der Sünde haben.
Jemandem die Sünden behalten, das heißt: Ich halte dich fest im Gestern. Ich gebe dir keine Chance, keine Zukunft mehr.
Du bist und du bleibst das, was du getan und nicht getan, was du gefühlt und gedacht hast.
Jedem Strafgefangenen werden seine Sünden behalten. Er wird in ihnen festgehalten, im wahrsten Sinne des Wortes. Oft über viele Jahre.
Jeder, der sich nicht von seiner Vergangenheit lösen kann, wird in ihr festgehalten, kann kein neues Leben entwickeln; die Jünger können das übrigens auch nicht; die Türen sind fest verschlossen.
Österlicher Glaube heißt: dir ist vergeben! Du kannst den Raum deiner Vergangenheit verlassen!
Wir erkennen die Wundmahle; wir erkennen dich selbst; aber du bist doch wie ein neugeborenes Kind; auferstanden aus den Fesseln deiner Vergangenheit.
Wir Christen, wir Jüngerinnen und Jünger Jesu, wir Getauften können Menschen ein neues Leben schenken; wir können sie aus dem Gefängnis ihrer Vergangenheit entlassen.
Das ist das größte und schönste Geschenk, das Christus uns an Ostern gemacht hat.
*
Halt!
Moment!
Was ich nicht mit meinen eigenen Augen sehe, was ich nicht mit meinen Händen fühle, das kann ich nicht glauben!
Thomas, der große Zweifler, war nicht dabei, als Jesus seinen Jüngern das erste Mal erschien.
Und was er nicht sieht, das kann er nicht glauben. Ein Bericht aus zweiter Hand ist ihm zu wenig.
Thomas ist der Jünger der Neuzeit.
Seine Art zu denken hat dieser Welt einen unglaublichen Schub gegeben.
Menschen, wie er, Menschen, die nichts einfach so hinnehmen, die nichts einfach so glauben, die alles hinterfragen, die hinter die Kulissen schauen. Sie haben die Welt voran gebracht.
Die Medizin hat in den letzten hundert Jahren eine unglaubliche Entwicklung genommen; wir leben länger und wir leben besser seit wir etwas wissen über die Entstehung von Krankheiten und über ihre Bekämpfung.
Hier sind Menschen wie Thomas der Zweifler am Werk; und ich will gar nicht reden von unserem Alltag: von Autos und Handies, von Maschinen, die uns das Leben erleichtern, vom Internet, vom Fernseher
Nun gut, beim Fernseher schlägt das Ganze um: Beim Fernseher glauben die Menschen alles, was sie sehen; es kann der größte Schwachsinn sein, aber es war ja im Fernsehen.
Thomas, der Zweifler, ist der erfolgreichste unter den Jüngern.
Er ist erfolgreich, aber nicht selig.
Was fehlt ihm?
Wir merken die Grenzen seiner Art zu denken und zu leben ja auch in unserem Alltag, in unserer Gesellschaft.
Wir sind unglaublich erfolgreich. Noch nie hat es eine Zivilisation zu so einem Reichtum, zu so einer Blüte gebracht. Aber wir sind nicht glücklich nicht selig.
Was fehlt uns?
Der Jünger Thomas, der erste unter den christlichen Zweiflern, ist misstrauisch; und das aus gutem Grund: Er kennt die Menschen; er kennt auch seine Freunde; er weiß, wie schnell sie sich selbst etwas in die Tasche lügen, nur um ihren Kummer und ihren Schmerz zu überwinden.
Darum will er sehen und fühlen.
Er braucht die Wahrheit des Glaubens ganz handfest.
Und Christus verweigert ihm das nicht.
Doch als er sieht und als er fühlt, da fällt er in die Knie: Mein Herr und mein Gott!
Thomas überwindet sein Misstrauen. Und das unterscheidet ihn von uns, von den Zweiflern der Moderne.
Der moderne Zweifler bleibt in seinem Misstrauen verhaftet.
Er sieht und er sieht doch nicht.
Der moderne Zweifler sieht das Wunder des Lebens er sieht, wie unglaublich komplex und kompliziert es ist. Er sieht das Wunder und erklärt es als Phänomen.
Er sagt nicht Mein Herr und mein Gott, er sagt: Ist schon phänomenal, wie das alles funktioniert!
Biblisch gesprochen: Die Augen des modernen Zweiflers sind gehalten. Er erkennt wohl das Geheimnis des Lebens, er sieht aber nicht den, der dahinter steht.
Der Jünger Thomas überwindet seine Zweifel aus zwei Gründen:
Er erkennt Gott im Leiden in dem, der gelitten hat. Das ist eine ganz andere Perspektive als die moderne Suche nach einem göttlichen Leben jenseits allen Leidens.
Und: Er erkennt, dass Christus den Tod überwunden hat. Es gibt keine wirkliche Grenze mehr zwischen Gott und den Menschen.
Das kann er nicht sehen; das kann er nur glauben.
Amen.
Ich glaube…
Wie formulieren junge Menschen ihren Glauben?
Formulieren sie ihn überhaupt?
Es wird ihnen ja gern unterstellt, dass sie sich darüber keine Gedanken machen. Das Gegenteil ist der Fall.
Ich hatte in den letzten Wochen einige Gespräche Jugendlichen, die mir sehr nachgehen. Dabei ging es um den Glauben, nur um den Glauben.
Ich habe zum Beispiel gefragt:
Betest du?
Ja, sicher. Als meine Oma krank war, da hab ich viel gebetet. Jetzt nicht mehr so.
Glaubst du an Gott?
Ja schon. Aber nicht so… Ich weiß nicht. Na ja, nicht an einen Vater oder so.
Für mich ist das eher so eine Energie, die alles gemacht hat und alles lenkt.
Was meinst, geht es nach dem Tod irgendwie weiter?
Ganz bestimmt. Ich stelle mir das so vor wie: Man geht in einen anderen Raum. Wie das genau ist, weiß ich aber nicht.
O ja, unsere Jugendlichen haben sehr klare Vorstellungen. Sie decken sich nicht unbedingt mit dem, was wir so denken und fühlen.
Oder doch?
Wir sollten viel mehr mit ihnen darüber reden.
Taqwacore – oder: Zweifel am Glauben
Michael Muhammed Knight beschreibt in seinem Roman Taqwacore das Leben in einer Kommune islamischer Punks: junge Amerikaner, die versuchen, ihren Glauben zu leben. Eine Szene:
Lynn, eine junge Muslima mit tiefen Zweifeln, sagt zu Yusuf, einem Freund:
Ich bin ein spiritueller Mensch,
Ich glaube an Allah, auch wenn ich Ihn nicht immer Allah nenne, und ich bete so, wie ich beten will. Manchmal sehe ich nur rauf zu den Sternen und mir wird ganz bang vor lauter Liebe, weißt du? Und manchmal sitze ich in einer Kirche und höre zu, wie sie über Isa (Jesus) reden, und habe statt des Gesangbuchs ein Buch von Hafiz in der Hand.
Und weißt du was, Yusuf?
Manchmal, nicht sehr oft, hole ich meinen alten Teppich heraus und bete, so wie Mohammed gebetet hat. Ich den Kram nie auf Arabisch gelernt und meine Knie sind nicht bedeckt, aber wenn Allah ein Problem damit hat, an was für einen Allah glauben wir dann?
Ich weiß es nicht.
Michael Muhammed Knight, Taqwacore, S. 52f
PS
Es fällt leicht, der Zweiflerin zuzustimmen. Geht ja um den Islam. Nur: Junge Christinnen haben ähnliche Fragen…
Wort zum Sonntag
Mein Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung:
Sie haben Ihre Stimme verdient.
Kirchenvorstände arbeiten mit viel Liebe, aber geräuschlos. Sie treten kaum öffentlich in Erscheinung. Es ist nicht unbedingt ein Amt, mit dem man sich schmücken kann. Die Parteien spielen gar keine Rolle.
Diesen Sonntag werden die Kirchvorstände in unserer Landeskirche neu gewählt, doch es gab keinen Wahlkampf. Die ganze Sache verläuft so still, dass viele es fast vergessen haben: Ach ja, morgen ist ja Kirchenvorstandswahl. Na ja, die werden das schon machen.
Dabei haben unsere Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher Ihre Stimme verdient. Sie leiten ein vielseitiges Unternehmen: Sie kümmern sich um Kindergärten und Friedhöfe, um alte und um junge Menschen, sorgen für die Bewahrung der Tradition und gehen gleichzeitig ganz neue Wege. Sie beraten über die diakonische Arbeit in unseren Gemeinden genau so wie über die Ziegeln auf dem Dach vom Gemeindehaus. Unsere Kirchenvorstände sorgen dafür, dass die Kirche im Dorf bleibt und in der Stadt. Sie bestimmen über viel Geld und ihre Arbeit ist oft mühsam. Längst nicht alles von dem, was sie säen, geht auf. Kirche ist oft langsam und behäbig. Du kannst an ihr verzweifeln. Sie ist mitten im Umbruch, das macht es auch nicht leichter.
Doch man hört nur selten von Streit und Missgunst, von Verunglimpfung und Richtungskämpfen. Die Dinge werden in Ruhe diskutiert, man hört einander zu und entscheidet gemeinsam. Trotz all der Mühe und Plackerei, es macht Spaß, im Kirchenvorstand mitzuarbeiten. Das mag auch darin liegen, dass unsere Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen dem Gott der Liebe verpflichtet und darum den Menschen nahe sind.
Wenn Sie sich morgen aufmachen und Ihre Stimme abgegeben, zeigen Sie auch Ihre Wertschätzung für Menschen, die sich ehrenamtlich für uns alle engagieren.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini
Wenn Religion meine Sprache wär…
Aus einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Daniel Radcliffe, dem Harry Potter Darsteller:
FAS:
Ihr Vater ist ein nordirischer Protestant, ihre Mutter ist jüdisch. Sind Sie religiös?
Daniel Radcliffe:
Überhaupt nicht. Meine Mutter ist jüdischer Abstammung, aber sie praktiziert ihren Glauben nicht wirklich. Meine Großmutter lebt noch koscher. Und mein Vater, ich denke, ich denke, meine Eltern glauben beide an Gott, aber ich bin nicht sicher. Wir reden nicht wirklich drüber.
Nichts besitzen – alles haben
„Ich besitze nichts und habe alles“ schreibt Paulus.
Ich kenne dieses Gefühl:
als ich das erste Mal so richtig verliebt war, bei der Geburt unserer Söhne, auf meinem ersten Dreitausender, im Ziel beim Berlin Marathon.
Du besitzt nichts und hast alles.
Im Grunde ist das die Formel fürs glücklich sein.
Bei mir sind das immer nur kurze Momente.
Wenn ich Paulus richtig verstehe, dann sagt er: „das ist mein Grundgefühl.“
Geht das?
Und wenn das geht, dann will ich das auch…